Das 1x1 der Bildgestaltung von Livestreams

15. Oktober 2020

Bildgestaltung Livestreams

Bild­ge­stal­tung bei Live­streams // Photo by Mick Haupt

 

 

Aktuell trans­for­miert sich die Event­branche. Soge­nannte „Hybride bzw. digitale Events“ sind in aller Munde. Um gleich mit einem Miss­ver­ständnis aufzu­räumen: Das sind eigent­lich keine „digi­talen Events“. Es gibt nur analoge Ereig­nisse, die digital über­tragen werden. Ein digi­tales Event ist wenn Avatare sich treffen, wir uns virtuell in einer VR Welt bewegen oder feiern wie es das Musik­fes­tival Tomor­row­land vormacht.

 

Um mit unseren analogen Ereig­nissen, die digital über­mit­telt werden, Wirkung zu erzielen gelten immer noch die bekannten Grund­sätze. Es braucht ein klares Konzept: Was will ich errei­chen? Was soll durch den Live­stream nachher anders sein als vorher? Mir hilft es diese Kern­frage der Kommu­ni­ka­tion zu beantworten.

 

 

Die drei Ebenen der Livestream Umsetzung

 

Wenn die grund­sätz­li­chen Ebene klar ist, müssen in der Umset­zung immer drei Kompo­nenten parallel gedacht werden:

 

  • Inhalt
  • Bild- und Tontechnik
  • Bild- und Tongestal­tung.

 

Jeder Aspekt für sich ist wichtig, ich konzen­triere mich aber auf die Bild­ge­stal­tung. Meine Kern­kom­pe­tenz als Regis­seur ist die Insze­nie­rung. Für mich ist das die Kombi­na­tion von INHALT und VERPA­CKUNG: Was ist für die Ziel­gruppe der wirklich rele­vante Inhalt? Was konkret ist neu und bedeutsam? Wie verpacke ich die Infor­ma­tion für welche Ziel­gruppe unter­haltsam und emotional? Wenn die Drama­turgie steht entwi­ckeln wir die passende Verpa­ckung. Hier meine Erfah­rungen, worauf in der Bild­ge­stal­tung zu achten ist:

 

 

7 Tipps für die Bildgestaltung von Livestreams

 

1) Location bzw. Bühne: Wer sagt, dass es wie bisher die klas­si­sche Talk­bühne sein muss? Lasst uns neu denken. Der Ort oder die Kulisse kann auf den ersten Blick besser als 1000 Worte vermit­teln, worum es hier jetzt geht. Natür­lich ist weniger mehr. Wir dürfen dabei alles, nur nicht lang­weilen. Daher großes Gebot der Stunde: Visuell reizvoll sein und damit visuell auf die Kernidee des Events einzahlen. Ganz wichtig ist es dabei Tiefe zu liefern. Jeder Fotograf weiß: „Vorder­grund macht Bild gesund“. Ein gutes Bild arbeitet immer mit drei Ebenen: Vorder­grund, Objekt, Hinter­grund. Das erzeugt Tiefe im Bild. Ein Hinter­grund wie Back­stein­wände oder eine abstrakte Struktur erzeugt mehr Spannung als der nackte, anonyme, weiße Backdrop.

 

2) Kame­ra­an­zahl und ‑perspek­tiven: Bewegt­bild heißt Bewegt­bild, weil es bewegt ist. Jedes Kame­ra­bild sollte „Spiel haben“. Sich bewegen, leicht an eine Person „ranatmen“. Inhalt­lich kann ein Bild auch einmal stehen, aber bitte nicht für 20min. Alles schon erlebt – natür­lich schaltet dabei jeder weg oder inner­lich ab. Anders als beim Event braucht der Zuschauer Orien­tie­rung. Denn er kennt den Raum ja nicht. Eine Totale schafft also Über­blick und ist wichtig für Online-Zuschauer: Wer sitzt da alles auf der Bühne? Ein fahr­barer Bühnen­boden erlaubt Studio­ka­meras ruck­el­frei zu fahren und somit Bewegung im Bild.

 

Für ein Gespräch benötige ich mindes­tens drei Kameras: Eine Totale als Etablie­rung und Verbin­dung der Talk­gäste. Und jeweils eine Kame­ra­ein­stel­lung, die über Kreuz den Sprecher nah zeigt. Wenn es das Budget zulässt hilft ein Kran oder SteadyCam noch mehr Bewegung ins Bild zu bekommen. Daimler bietet eine schöne Option für Online­zu­schauer bei Pres­se­kon­fe­renzen: Man kann sich neben dem Programm­schnitt auch die einzelnen Kameras jeder­zeit selbst auswählen.

 

3) Bild­aus­schnitt: ALLES hat eine Wirkung. Ob die Kamera sich auf Augen­höhe befindet oder mich die Rednerin von oben herab anschaut sagt etwas aus. Diffus für den Zuschauer wahr­nehmbar, aber als Gestalter wissen wir um diese Wirkung. Natür­lich gibt es gestal­te­ri­sche Grund­sätze zu beachten wie den goldenen Schnitt, Blick­achsen (kein Achs­sprung) und Personen im Bild so zu framen, dass sie Luft zum agieren behalten. Auch die Anord­nung von Live-Kamera und weiterer Bild­in­halte wie eine PPT in einem PiP (Picture in Picture) will bedacht sein. Kürzlich sah ich einen Live­stream, wo immer dasselbe Vollbild einge­blendet wurde um den Redner­wechsel im Set zu kaschieren. Mit etwas mehr Aufwand hätte es kurze Bumper-Anima­­tionen gegeben, die thema­tisch über­leiten – ob aufwändig oder nur eine Tafel mit der Über­schrift. Alles hätte geholfen, um eine bessere Wirkung zu erzielen. Das A&O bleibt kompe­tentes Personal, welches ein gutes Gefühl für Bild­ge­stal­tung hat und emoti­ons­ge­la­dene Momente recht­zeitig antizipiert.

 

4) Schnitt: Die Sehge­wohn­heiten diffe­rieren je nach Ziel­gruppe: Genera­tion Z ist an schnelle Schnitte und kurze Clips unter 1:30min gewöhnt, alle über 80 haben sich an lang­sa­mere Erzäh­lungen gewöhnt. Das will ich nicht bewerten, nur auf das andere Erzähl­tempo hinweisen. In jedem Fall setzen wir Reize, indem immer wieder Bild­wechsel statt­finden. Wenn man sich eine Talkshow ansieht entdeckt man, dass es immer um Aktion und Reaktion geht – also die Sprecher, aber auch was das Gesagte im Gegen­über auslöst. Bei Shows wird das Publikum genutzt, um diese Reak­tionen zu spiegeln – wo das Corona-bedingt nicht möglich ist hilft es zumin­dest die Reaktion des Gesprächs­part­ners zu zeigen. Auch hier braucht es Bild­mi­scher, die Gefühl für Timings, Emotionen wecken und Momente haben. Der selbe Schnitt ein Hauch früher oder später gesetzt macht nicht nur bei Hitch­cock den Unter­schied aus.

 

5) Licht und Ton: Mit Licht wie Ton schaffen wir Atmo­sphäre, vermit­teln Stim­mungen und setzen Reize. Die Basis beim Licht bildet die 3‑Punkt-Beleuch­­tung. Wie häufig erlebe ich jedoch, dass das Hinter­licht fehlt, Schatten die Augen­höhlen verdun­keln oder Aufhel­lungen aus den Kame­raachsen fehlen. Und dabei reden wir noch gar nicht über Show­­­licht-Effekte. Ein guter Bild­in­ge­nieur sorgt für den Weiß­ab­gleich und kann dann Szenen kontrol­liert warm oder kalt wirken lassen – je nach gewünschter Botschaft und Wirkung.

 

Zu der Bedeu­tung von Sound­de­sign bei Events habe ich bereits geschrieben. Fehlender Ton lässt schneller abschalten als ein fehlendes Bild. Bei Live­schalten achte ich zumin­dest auf guten Raumton ohne Hall und Stör­quellen auf der anderen Seite. Hier aber noch eine Idee für Live­streams: Was macht ASMR mit dir? Setz dir unbe­dingt Kopf­hörer auf und hör rein:

 

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Wer sagt, dass digital nur der Seh- und Hör-Sinn ange­spro­chen werden kann? Pures Kopfkino, welches ganz anders fühlen lässt. Wie wäre es beispiels­weise mit einem Haar­schnitt, einer Kopf­mas­sage oder medi­zi­ni­schen Check Up in einer Pause zwischen zwei Online-Sessions? Dieses Stil­mittel an der rich­tigen Stelle einge­setzt: Was könnte das bewirken…?! Und klar, das verur­sacht natür­lich Mehr­auf­wand und muss wohl dosiert einge­setzt werden…

 

6) Akteure: Zentral ist es, dass die Akteure Verbin­dungen aufbauen. Die Kommu­ni­ka­ti­ons­ex­pertin Nancy Duarte spricht von RESONANZ. Das kann man auch auf einen guten Live­stream münzen: Verbin­dungen aufbauen durch Direkt­an­sprache in die Kamera mit dem Publikum, aber auch unter­ein­ander bei einem Talk­panel. Ein wich­tiges Detail ist die Kleidung – nicht nur von der psycho­lo­gi­schen Farb­wir­kung her gedacht. Prak­tisch verur­sa­chen klein­ka­rierte Hemden den Moiré-Effekt oder grüne Farben vermas­seln den Green­­s­creen-Effekt. Und ja, ein inneres Lächeln hilft Spre­chern Empathie trotz der digi­talen Über­tra­gung zu vermit­teln. Zuschauer spüren, ob das Gegen­über mit mir in Bezie­hung treten will oder nur den Text runterrasselt.

 

7) Strea­ming: Abschlie­ßend ein kleiner Ausflug in Richtung Technik. Server mit nicht ausrei­chenden Kapa­zi­täten haben mir schon ein paar Mal bei Live­streams den Spaß verdorben… Der Inhalt und die Bild­ge­stal­tung kann noch so gut sein – wenn der Upload nicht klappt oder die Bild-Ton Synchro­nität nicht passt, ist alle Mühe umsonst. Insofern lautet die Devise: Testen, testen, testen. Der andere Teil betrifft die Vermark­tung: Wie stösst die rele­vante Ziel­gruppe über­haupt auf meinen Livestream?

 

 

Fazit: Proben, proben, proben!

 

Bei allem: Kürzer ist besser, Abwechs­lung ist elementar, Proben das Erfolgs­re­zept. Die Vorteile von Live­streams sind für mich die Kontrol­lier­bar­keit (wer sagt das es wirklich LIVE sein muss – es kann ja auch eine am Tag vorher aufge­zeich­nete Version sein bei dem ledig­lich das Q&A live ist), der Fokus auf Inhalte, die sitzen müssen (Redner verzet­teln sich weniger, weil Texte vom Prompter gelesen werden) und eine poten­tiell größere Reich­weite im Nachgang durch Abruf „on demand“. Da lohnt sich jeder Schweiß­tropfen für gute Qualität.

 

Zwei Miss­ver­ständ­nisse machen unser leben jedoch schwer: Oft meinen Kunden aktuell, dass weil es ein „digi­tales Event“ ist, das Projekt billiger wird und gar nicht proben muss. Ein Zoom Call mit einer amtli­chen Produk­tion zu verwech­seln ist ein Kardi­nals­fehler. Wie ich eingangs schrieb: Es braucht ein analoges Ereignis, was von sich behaupten darf wirklich ein EREIGNIS zu sein. Dieses inhalt­lich wie gestal­te­risch zu verdichten und somit spannend über die digi­talen Kanäle zu erzählen ist Neuland. Es bedarf guter Vorbe­rei­tung, um Zuschauer-Bindung, ein inter­ak­tives Erlebnis und letzt­lich Wirkung zu erzielen.

 

Lasst uns voneinander lernen und Qualität liefern!

 

80% der Corpo­rate Event Live­streams zeigen talking heads. Das ist im TV genauso, aller­dings ganz anders verpackt. Jede TV Talkshow oder News-Format ist um Welten besser was Kulisse, Beleuch­tung, Kame­ra­ar­beit, Einspiel­erfilme, redak­tio­nelle Arbeit, Emotion wecken betrifft als unsere „Digital Events“ aktuell. Warum lernen wir nicht von TV, Werbung, Kino und erziehen unsere Kunden gleich mit, dass Live­streams eben nicht billiger und schneller gehen – sondern etwas mit wohl durch­dachter, geplanter und produ­zierter Wirkung zu tun haben, die sie ja errei­chen wollen. Dazu braucht es Zeit, Geld und Kompe­tenz.

 

Ich glaube, der Invest und die Mühen auf dem Weg dahin werden sich auszahlen. Nicht zuletzt für unsere Event-Branche, weil wir eben Wirkung erzielen, die sich sehen und messen lässt. Anders als TV-Formate können wir auch was die Inter­ak­ti­vität betrifft Inno­va­tion pionieren. Dazu braucht es Mut, Schritte ins (noch) Unbe­kannte zu gehen: Passion, Krea­ti­vität und die Sehn­sucht das Neue, Unmög­liche, Inno­va­tive zu reali­sieren (ok, etwas pathe­tisch – aber Agen­turen wie Onlive­line lassen das erahnen 😉). Aber so, wie zumin­dest aktuell viele Live­streams in der Bild­ge­stal­tung laufen, sehe ich jedoch unsere Branche sich selbst ein Grab schau­feln. Lasst uns endlich Qualität liefern, wir können das!

 

 

Link­tipps:
Digital Event: Meine drei Learnings
Digitale Events: Analyse der US-Parteitage
Acht Tipps, wie ein Live­stream zum Erfolg wird

 

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