Creative Director: Wie weckt ihr Emotionen? // 7 Kreativdirektoren geben Hinweise

25. Mai 2016

Creative Director Emotionen wecken Events

Creative Director: Wie weckt ihr Emotionen? // 7 Krea­tiv­di­rek­toren geben Hinweise

 

 

Emotionen sind der Schlüssel zum Herzen der Menschen – und damit auch zu ihrem Kopf.” Axel Beyer

 

 

Wie weckt man Emotionen? Diese Frage treibt mich seit Jahren um. Warum erzeugt die Mona Lisa im Louvre eine magische Anzie­hung und andere Bilder nicht? Warum nimmt mich der eine Redner erfolg­reich mit auf seine Gedanken-Reise und der andere nicht? Warum berühren mich einige Lieder und andere eben nicht?

 

Emotionen zu wecken ist die Kern­auf­gabe für die Konzep­tion von Events. Wer Emotionen weckt, bekommt auch eine Reaktion. So werden Bezie­hungen aufge­baut. Eine gute Währung für die Live-Kommu­­ni­­ka­­tion. Daher habe ich sieben Krea­tiv­di­rek­toren gebeten, ihre Gedanken und Erfah­rungs­werte zu schenken. Wie unmög­lich es ist, das in eine paar Sätze zu packen, zeigt der Prolog von Helge Thomas auf…

 

 

Helge Thomas: Wer weiß, ob Emotionen überhaupt schlafen?!

 

 

Diese Frage kann ich defi­nitiv nicht beant­worten. Das hat vielerlei Gründe. Lass mich viel­leicht zwei davon kurz heraus greifen. Zum einen hat das Wort „Emotionen“ einen so riesigen seman­ti­schen Hof, dass man Russland darin parken könnte. Zweimal. Ach was rede ich. Viermal. Von den rein biolo­gi­schen Partys, die da im limbi­schen System abgehen, ganz zu schweigen. Und dann dieser Volks­mund mit seinem Anger­la­tein „Das geht zu Herzen“. Ja, eben nicht! „Da schüttet der Hippo­campus mal wieder tonnen­weise Endor­phine in die Blutbahn,“ müsste das korrekt heißen. Egal. Wo war ich? Ach ja. Zum anderen: Gäste sind niemals gleich Gäste. Und meistens sind es nicht einmal meine Gäste, sondern die Gäste meines Kunden oder auch die seines Chefs oder seiner Frau. Im Falle öffent­li­cher Veran­stal­tungen sind es gar völlig fremde Menschen, die man der Einfach­heit halber dann eben auch Gäste oder besser Besucher nennt. Was die Sache nicht einfa­cher macht. Was sagst du? Meine Reaktion auf deine Frage erscheint dir etwas zu emotional? Mitnichten, mein Lieber! Ich versuche dir ledig­lich zu erklären, warum ich dir kein „Rezept“ nennen kann, wie ich Emotionen bei Gästen wecke. Und über­haupt: Wer weiß, ob Emotionen über­haupt schlafen. Viel­leicht sind sie auch gerade ganz woanders. In Gedanken. Oder sie haben sich nur versteckt. Unter der Ober­fläche. Siehst du. Das meine ich. Schon sind wir mitten drin, im Deutungs­la­by­rinth der mensch­li­chen Gefühle. Und wenn ich jetzt weiter schreibe, kommen wir da beide nicht mehr raus. Weißt du noch, was ich oben schrieb? Eben. Ich auch nicht. :)

 

 

Helge Thomas pro event live-communication creative director Helge Thomas, 1964 in Heidel­berg geboren, Schau­spiel­ta­lent vom Vater geerbt, schon viele künst­le­ri­sche und wirt­schaft­liche Bühnen bespielt: Als Darsteller auf und Beleuchter hinter der Bühne von Thea­ter­pro­duk­tionen, in Marke­­ting- und Vertriebs­ver­ant­wor­tung bei großen Unter­nehmen sowie neun Jahren als frei­be­ruf­li­cher Start-Up-Coach, Social­­Media-Experte und Filme­ma­cher. Heute ist er Creative Director und Mitglied der Geschäfts­lei­tung bei pro event.

 

 

 

Kai Janssen: Es ist wie bei einem Rendezvous…

 

 

Wenn man davon ausgeht, dass Emotionen mit dem Ziel erzeugt werden, beim Gast zu punkten und eine Bezie­hung aufzu­bauen, dann ist es wie bei einem Rendez­vous:

 

Zunächst sorgt man mit dem passenden Ambiente für die gewünschte Stimmung. (Location, Licht, Musik, Essen)

 

Dann stellt man seinem Gegen­über Fragen — das signa­li­siert Inter­esse und ist die Basis für einen unter­halt­samen Austausch. (Einbe­zie­hung des Gastes, Interaktion)

 

Ganz wichtig nun — der Über­ra­schungs­mo­ment! Plötz­lich tritt etwas ein, womit mein Gegen­über nicht gerechnet hat, was anschei­nend nur für ihn bestimmt ist, verbunden mit einer persön­li­chen Botschaft. (Setzt voraus, dass ich die Ziel­gruppe verstanden habe). Der Höhe­punkt einer perfekt durch­dachten Insze­nie­rung. Trifft ins Herz und bleibt im Kopf. Meistens jedenfalls.

 

 

Kai Janssen Matt Circus Event KreativdirektorKai Janssen, seit 2012 Geschäfts­führer und Creative Director der MATT CIRCUS GmbH in Köln, davor freier Creative Director und Konzep­tioner in diversen Event- und PR-Agen­­turen, studierte bildende Künste, Fokus Raum und Medien, regel­mä­ßiger Gast­do­zent zum Thema “Konzep­tion in der Live-Kommu­­ni­­ka­­tion”, 2. Präsi­dent der FICA, Cross-Crocket-Spieler und ‑Welt­meister, in fester Beziehung.

 

 

 

Petra Lammers: Geschichten, Geschichten, Geschichten

 

 

Mit Geschichten!
… und einem genauen Blick auf alle „Figuren“, Raum/Situation, Hand­lungs­stränge, Plot­points und Inhalte.

 

(Auf die Bitte nach Beispielen sandte Petra folgendes): Die inter­ak­tive Boden­pro­jek­tion beim Ener­giesee oder das Story­tel­ling mit Lampen, die als Figuren das Wies­ba­dener Kurhaus und die Welt von Fraun­hofer erkunden:

 

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Creative Director Petra Lammers onlivelinePetra Lammers, insze­niert seit über 15 Jahren Theater‑, Public Space- und Event­pro­duk­tionen, gemeinsam mit Norwin Kandera Geschäfts­füh­rerin von onlive­line, einem Büro für Konzep­tion und Insze­nie­rung. Davor Creative Direc­torin / Konzep­tio­nerin bei Panroyal in Wuppertal sowie freie Thea­ter­re­gis­seurin, studierte MBA und MFA in Drama­turgie und Regie.

 

 

 

Philipp Dorendorf: Man inszeniert oder inszeniert um

 

 

Heilig Abend im Kreise der Lieben. Deep house statt Last Christmas. Rot ist nicht rot, sondern pink. Der Baum ist aus Draht. Die Lich­ter­ketten geben Strobo-Blitze ab.

 

U5-Kinder­­ge­­burtstag. Nicht Volker Rosin, nein, dafür Ramm­stein. Ramm­stein ist auch alt, aber düsterer und dazu schwarzes Konfetti statt bunten Luftballons.

 

Apropos Schwarz: Warum nicht mal für eine Grabrede die Kebekus einsetzen: Pussy Terror.

 

Nein? Okay, denn wir unter­liegen Lern­struk­turen, asso­zia­tiven Mustern und Neuro-Programmen. Und weil das so ist, sind Stim­mungen und Emotionen künst­lich auslösbar, zu verän­dern oder zu beein­flussen. Man insze­niert oder insze­niert um. Mit: Musik, Licht, Farben, Tages­zeit, Tempe­ratur, unter Umständen Gerüche, Appearance von Akteuren — räumlich und zeitlich verdichtet. Das ist eigent­lich gar nicht so schwer.

 

 

Philipp Dorendorf CD facts and fiction EventagenturPhilipp Doren­dorf, Ü37, aus Hamburg. Ausbil­dung zum Grafik Designer und Marke­­ting-Kommu­­ni­­ka­­ti­on­s­­wirt, seit 2010 Creative Director bei facts and fiction für Köln und Berlin.
Krea­tives auf: www.neopdo.com

 

 

 

Martin Klingler: Content is King

 

 

Am Anfang steht immer die Idee! Daraus wird dann die Story­line entwi­ckelt. Und die muss im funk­tio­nalen Event­de­sign und in einer multi­sen­so­ri­schen zweck­ori­en­tierten Insze­nie­rung erzählt werden. Nur dann können Botschaften über­haupt ankommen, verstanden werden und gar hängen bleiben – und in anderen Kanälen weiter erzählt werden. Stich­wort Story­tel­ling und Wirkungs­po­tenz durch Multi­sen­sorik.

 

Was wirklich zählt, ist schlicht das klas­si­sche Kommu­ni­ka­ti­ons­hand­werk, beschrieben mit den bekannten und infla­tionär gebrauchten Marke­ting­flos­keln… aber wahr bleiben sie trotzdem und genau deshalb: Content is King – und ist das neue Story­tel­ling. Wenn die Story aber nicht spannend erzählt wird, so dass der Zuhörer mit mehreren Sinnen emotional berührt wird, wenn sie nicht auf anderen Kanälen vor und nach dem Event weiter erzählt wird — Stich­wort Vernet­zung, die wir früher inte­grierte Kommu­ni­ka­tion nannten — dann darf sich keiner wundern, wenn die Botschaft entweder gar nicht ankommt oder schnell verloren geht. Und auf keinen Fall echte Emotionen weckt.

 

Was mache ich also, um Emotionen zu wecken?
Defi­nitiv nichts welt­be­we­gendes Neues: eine gute Story entwi­ckeln, sie anregend, spannend und viel­schichtig erzählen. Und dafür verwenden wir gerne neueste Technik und Methoden – immer dann wenn es Sinn macht. Hat!

 

 

Kreativdirektor Martin Klingler Creative DirectorMartin Klingler, Creative Director bei marbet in Künzelsau. (Und mit dieser Bemer­kung: “kann mich für unfassbar viel begeis­tern, immer wenn es mich berührt…” Ideen­geber für diesen Blogpost.)

 

 

 

 

Miriam Wüstefeld: Bedürfnisse erkennen, überraschen, passender Rahmen

 

 

Wir leben heute in einer sehr beschleu­nigten Welt, in der das Über­an­gebot regiert und in der kaum Zeit zum Inne­halten bleibt. Aus meiner Perspek­tive bedarf es daher vor allem der Fähig­keit indi­vi­du­elle Bedürf­nisse zu erkennen, um echte Emotionen wecken zu können.

 

Die Kunst und Heraus­for­de­rung liegt dann darin zu über­ra­schen und einen sehr persön­li­chen Nerv zu treffen.

 

Neben den wich­tigsten Para­me­tern, die nach meiner Auffas­sung inhalt­li­cher Anspruch und Respekt sind, ist der passende Rahmen relevant. Dazu zählt neben einer entspre­chenden Räum­lich­keit auch das Thema Ergo­nomie. Der Wohl­fühl­faktor ist eng an Emotionen geknüpft — zumin­dest wenn diese positiv ausfallen sollen.

 

 

Miriam Wuestefeld freiberufliche Kreativdirektorin MünchenMiriam Wüste­feld, München, 32 Jahre, frei­be­ruf­liche Krea­tiv­di­rek­torin, Schwer­punkt: Kommu­ni­ka­tion im Raum, Marken­welten, Zusam­men­ar­beit und Fest­an­stel­lung in diversen Agen­turen unter anderem Zibert + Friends, CE+Co, VOK DAMS, BBDO Live, Uniplan.

 

 

 

Stephan Schäfer-Mehdi: Erprobte Rituale nutzen und intuitiv vorgehen

 

 

Live-Kommu­­ni­­ka­­tion nutzt jahretau­sen­de­alte erprobte Rituale, um Emotionen zu wecken. Religion mit ihren Kulten und das Theater mit seinen insze­na­to­ri­schen Mitteln sind dafür die Grund­lage. Ihr Studium und deren Anwen­dung ist hilf­reich, aber der intui­tive Umgang letzt­lich effektiver.

 

Was rational am Reis­brett entstand ist zwar oft richtig, aber nicht immer erfolg­reich. Wer hört die Kammer­musik des Compu­ter­kol­legen Iamus, der nach allen Regeln der Kunst program­miert wurde wie Mozart zu schreiben? Wir gehen immer noch in die Zauber­flöte, obwohl der Rechner alles richtig macht. Deshalb bedient sich auch die virtu­elle Welt der gleichen Muster, der Über­ra­schungen und Ansprache möglichst vieler Sinne.

 

Das wird viel­leicht erst anders, wenn die Künst­liche Intel­li­genz Kommu­ni­ka­tion für ihres­glei­chen konzi­piert. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

 

 

Creative Director Stephan Schaefer-Mehdi Eventmarketing CD CCO Live-KommunikationStephan Schäfer-Mehdi, frei­be­ruf­li­cher Creative Director und ¬Consul­tant, vorher Chief Creative Officer/CD von VOK DAMS und Quasar Commu­ni­ca­tions, mit natio­nalen und inter­na­tio­nalen Awards ausge­zeichnet, Mitglied im Art Direc­tors Club für Deutsch­land, Autor des Stan­dard­werkes “Event-Marke­­ting”, 2014 den Krimi­nal­roman “Tod in den Bergen” veröf­fent­licht. Wuppertaler.

 

 

 

Creative Director — habt herzlichen Dank für eure Gedanken. Chapeau!

Frage: Wie weckst du Emotionen? Freue mich auf einen Kommentar oder Beispiele unterhalb.

Tipp: Weitere Hinweise darauf, wie Emotionen geweckt werden, geben 7 Insze­­nie­­rungs-Experten in diesem Buch.

 

 

Was dich noch zum Thema inter­es­sieren könnte:

Thea­ter­re­gis­seur Axel Beyer: EMOTION – der Schlüssel zur Aufmerksamkeit!

Emotion & Reaktion — das Prinzip von TV-Unter­hal­­tungs-Regis­­seur Carsten Seibt

18 Things Great Creative Direc­tors Do Every Day

 

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