Digitale Events: Analyse der US-Parteitage

Digitale Events: Analyse der US-Parteitage DNC & RNC // Quelle: PBS News Hour

 

 

Die Eventbranche befindet sich durch Covid-19 im Umbruch. Aus Live Events werden Digitale Events und zunehmend Hybride Eventformate. Daher war es spannend zu sehen wie in den USA die beiden Parteitage -erstmals virtuell- die Democratic National Convention und die Republican National Convention in Szene gesetzt haben.

 

Inszenierung ist für mich die Kombination aus Inhalt und Verpackung. Politisch überlasse ich die Bewertung der Inhalte gerne dem SpiegelTagesschau und Tagesspiegel. Nur so viel: Die Demokraten haben sich voll und ganz auf die polarisierende Person Donald Trump eingeschossen. Im Kontrast zu dem versöhnenden und verbindenen Mann der Mitte Joe Biden. Die Strategie der Republikaner scheint auf die Wahl zwischen „Sleepy Joe“ und Trump zu setzen. Wobei Biden als eine Marionette der radikalen linken Sozialisten dargestellt wird. Beide Seiten betonen die historische Dimension dieser Wahl.

 

Als Regisseur interessierte mich vor allem die Gestaltung an sich sowie die Verpackung der Inhalte. Und da gab es einiges interessantes zu entdecken…

 

 

  1. Democratic National Convention (DNC)

 

Der Fokus der DNC lag darauf ein WIR-Gefühl zu erzeugen. Angefangen vom offiziellen Leitthema „Uniting America“ gab es für jeden der vier Abende einen roten Faden: We The People / Leadership Matters / A More Perfect Union / America’s Promise. Gerade am ersten Abend wurde das Zitat aus der amerikanischen Verfassung beispielhaft umgesetzt. Beginnend mit der von einem Online Chor gesungenen Nationalhymne zeigte das gut zweistündige Programm eine schiere Bandbreite von Menschen, Orten und Geschichten auf – und damit um wen es eigentlich geht: „We The People“ und nicht den Egomanen im Weißen Haus. Ich denke, viele Wählergruppen fühlten sich dadurch gesehen, gehört und repräsentiert. „We The People“ – Bilder sagen eben mehr als 1000 Worte. Hier ein guter Zusammenschnitt der DNC:

 

 

 

Da die Wechselwähler-Staaten besonders umkämpft sind, wurde für die DNC als Austragungsort bewusst Wisconsin ausgewählt. Durch Covid-19 wurde aus dem Live Event jedoch ein Digitales Event. Das Studio Set war reduziert, aber für den Zweck funktional. Dadurch setzte die DNC den Fokus auf viele Schalten und gelungene Programmabwechslung. Jeden Abend gab es eine andere Moderatorin, die Auswahl der Personen setzte ebenso ein Statement.

 

Gut sichtbar werden Unterschiede bei gleichen Elementen, wie der Stimmabgabe der Delegierten für den Präsidentschaftskandidaten (sog. roll call). Vor dem Hintergrund der aktuellen Unruhen verankerten die Demokraten die Diversität der Nation durch repräsentative Schalten in die Staaten visuell galant und verbanden so die Stimmabgabe erneut mit dem Leitthema. Natürlich rufen Orte wie die Brücke in Selma, Alabama gekonnt Erinnerungen hervor. Bei den Republikanern gaben vor allem weiße Männer vor einer neutralen Pressewand die Stimmen ab (siehe Video ganz oben). Schön ist anders.

 

Überzeugt haben auch die emotionalen Themen auf der DNC. Von Black Lives Matter (der Bruder von George Floyd sprach), über die Corona Krise, Waffengewalt und Shootings in Schulen, dem Klimawandel, der Bildungs-Situation und Lehrer, dem Kampf gegen Krebs, die Gesundheitsversorgung etc. erzeugten die Statements und Bilder ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Sehr unterschiedliche Menschen unterstrichen dabei eine authentische Diversität. Im Storytelling fiel besonders die Tochter eines an Corona gestorbenen Vater auf (siehe Video oberhalb) oder der Rebublikaner John Kasich, der seine Ansprache von einer symbolischen Weggabelung gab. Musikalische Beiträge wie der 60er Protestsong interpretiert von Billy Porter oder John Legend mit „Glory“ unterstützen dabei.

 

Insgesamt wirkte der Parteitag nah an den Themen der amerikanischen Bevölkerung, war durch die vielen Schalten und gelungenen Moderation abwechslungsreich wie kurzweilig und punktete auch mit leicht höheren Einschaltquoten als bei den Republikanern. Vor allem die Bildgestaltung hat mich in ihrer abwechslungsreichen Wirkung überzeugt.

 

 

  1. Republican National Convention (RNC)

 

Die Themen der vier RNC Abende lauteten: Land of Heros / Land of Promise / Land of Opportunity / Land of Greatness. Der Stil ist auf das Zielpublikum ausgelegt: Patriotisch (die Reden fast immer vor US-Flaggen), der Treueschwur wird zu Beginn von Kindern gesprochen, es wird gebetet. Viele Redner*Innen sind Frauen und auch schwarze Männer, um diese Zielgruppen zu erreichen. Es wirkt dann aber doch paradox, wenn Donald Trump von mitarbeitenden Frauen als explizit interessierter Kümmerer dargestellt wird. Aber auch das bietet die Macht der Inszenierung: Realitäten vorgeben.

 

Thematisch werden individuelle Freiheiten und deren mögliche Begrenzung durch die Demokraten hervorgehoben: Freedom of speech (wobei manch Redner*In aggressiv anmutet), Trumps Lieblingsthema „Law & Order“, Cancel-Culture. Bizzar wirkt das Video einer Einbürgerungsfeier im Weißen Haus, in der Trump Immigranten begrüßt. Das steht doch sehr gegen das Bild, welches er über die Jahre mit Einreisestopps und „America First“ gezeichnet hat. Geschickt liefern die Republikaner aber Themen und Argumente, die in ihrer Wählerschaft gut ankommen dürften. Dabei spielt die Stärkung der Wirtschaft die bedeutendste Rolle, die Corona Pandemie oder die Mauer zu Mexiko finden keine Beachtung.

 

Aufgrund von Corona-Schutzmassnahmen wurde die ursprüngliche Location in Charlotte weitestgehend reduziert und nach Washington, D.C. verlagert. Die Reden aus dem Andrew W. Mellon Auditorium wirken eher steril, weil sie nicht aus persönlichen Umfeldern kommen sondern vor gleicher Kulisse und ohne Publikum sowie deren Reaktionen gefilmt werden. Die Bildwelt ist immer gleich, es gibt keine Abwechslung und die zwei Kameraeinstellungen beleben nicht.

 

Die Republikaner erlauben sich zwei Tabubrüche. Einerseits wird am letzten Abend das Weiße Haus als Kulisse gewählt, um die Strahlkraft der Präsidentschaft zu nutzen. Auch Außenminister Pompeo spricht vor der Jerusalemer Altstadt. Üblicherweise hält sich dieses Amt aus dem Wahlkampf heraus, um sich nicht angreifbar zu machen als Repräsentant aller Amerikaner. Sensibel ist auch der Ort Jerusalem, an den die Trump Adminstration die Botschaft verlegt hat. Dieses Detail dürfte vor allem die wichtige Zielgruppe evangelikaler Gläubiger angesprochen haben.

 

Digitale Events

Key Speakers der RNC als Digitale Events // © Fox News

 

 

Interessant ist auch die Vielzahl von Sprecher*Innen aus der Trump-Familie (bei gleichzeitigem Ausbleiben von republikanischen Ex-Präsidenten). Vor allem die First Lady sticht dabei emphatisch hervor, wenn sie die Covid-19 Opfer anspricht und ihr Mitgefühl zum Ausdruck bringt. Ansonsten wirkt schon das Intro am vierten Abend wie aus einer Netflix Serie: Trump der Superheld. Inhaltlich wie auch von der Verpackung scheint mir die Machart aber die gewünschten Zielgruppen überzeugend anzusprechen und in ihrem Weltbild zu bestätigen.

 

 

Learnings für digitale Events

 

Die beiden Conventions zeigen: Digitale Events funktionieren sehr wohl, erzeugen Wirkung und können Emotionen wecken – selbst ohne Publikum. Das Digitale Event war programmlich kürzer und wurde zu einer Zeit gesendet, in der Zuschauer dafür offen waren (was in den USA mit vier Zeitzonen immer noch mal herausfordernder ist). Kurze Beiträge, viel Abwechslung, thematisch einer Linie folgend, relevante Inhalte teils extrem emotional aufgeladen, in der Verpackung der Zielgruppe entsprechend. All das sorgte für ein „dranbleiben“ und für Überzeugungsmomente auf beiden Seiten. Die Vielzahl von persönlichen Geschichten an unterschiedlichsten Orten machten die Parteitage interessant. Die Abende folgten einer klaren Dramaturgie. Insbesondere die Bildgestaltung bei den Demokraten gewann. Man stelle sich solche Machart in Deutschland vor…

 

Einzig die Interaktion fehlte mir – da geht bei Digitalen Events wesentlich mehr. So war es dann doch eher eine eindimensionale TV-Show – und da liegt gerade für Digitale Events die Chance neue Dimensionen zu eröffnen. Abschließend bleibt die ethische Frage an manche Redner-Aussage – aber das ist wohl dem amerikanischen Wahlkampf geschuldet. Weitere Hintergrundinfos zu den Parteitagen als Digitale Events finden sich hier für die DNC und RNC.

 

Frage: Welche Wirkung hatten die Parteitage auf dich? Was nimmst du für digitale Events mit?

 

 

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