Authentisch Präsentieren // Teil 5: Spiegelung

27. Mai 2015

Authentisch präsentieren Spiegelung

Authen­tisch präsen­tieren: Spie­ge­lung der Selbst- und Außen­wahr­neh­mung // Teil 5 von Martin Kloss

 

 

Hier der fünfte Teil der Serie “Besser Präsen­tieren” mit Analysen, Hinter­gründen und nütz­li­chen Tipps um die eigene Präsen­ta­tion vor Publikum zu verbes­sern (Teil 1: WIE vor WAS // 2: Körper­sprache // 3: Atmung & Stimme // Teil 4: Rhetorik).

 

 

Authentisch Präsentieren: Spiegelung der Selbst- und Fremdwahrnehmung

 

In diesem vorerst letztem Teil der Serie, geht es darum einmal hinter die Kulissen der Wahr­neh­mung zu schauen und zu verstehen, was eigent­lich in unserem Kopf und dem unseres Zuschauers passiert während wir präsentieren.

 

1. Selbst- und Fremd­wahr­neh­mung ist immer subjektiv
2. Authen­ti­zität ist eine Illusion

 

 

Authentizität ist eine Illusion

 

Eigent­lich bin ich ja ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu”, sagte der öster­rei­chi­sche Schrift­steller Ödön von Horváth und beschrieb damit sehr poin­tiert das Gefühl, dass viele während oder nach der Präsen­ta­tion haben. Warum habe ich dies oder jenes getan oder gesagt, warum war ich nicht einfach ich selbst?

 

Um diese Fragen zu beant­worten, müssen wir zunächst einen Schritt zurück machen und uns noch einmal mit dem Thema Wahr­neh­mung ausein­an­der­setzen. Denn Präsen­tieren vor Publikum bedeutet immer eine Ausein­an­der­set­zung mit unter­schied­li­chen Wahr­neh­mungen:

 

1. der Eigen­wahr­neh­mung als Präsen­tie­render und
2. der Fremd­wahr­neh­mung des Publikums.

 

Wir nehmen uns als indi­vi­du­elle Persön­lich­keit erst durch unsere Sinne wahr (siehe auch Teil 1). Diese Eigen­wahr­neh­mung ist ein wich­tiger Feedback Mecha­nismus, eine Art Spiegel.

 

Die Fremd­wahr­neh­mung dagegen entsteht in Relation und Abhän­gig­keit zur Eigen­wahr­neh­mung, wie attraktiv finde ich beispiels­weise meinen Gegen­über, ist er/sie mir sympa­thisch, habe ich Angst ihm/ihr etc. und ist wie die Eigen­wahr­neh­mung ein rein subjek­tives Empfinden.

 

 

Spiegelneurone

 

Betrachten wir die Vorgänge im Hirn, die für uns bei der Wahr­neh­mung im Alltag eine maßgeb­liche Rolle spielen, dann ist da zunächst das Feuern der Hand­lungs­neu­rone, der “Intel­li­genz” in der prämo­to­ri­schen Hirn­rinde. Hier wird das Kommando (bewusst oder unbe­wusst) gegeben eine Bewegung auszu­führen, zum Beispiel über die Bühne zu gehen oder eine Geste bei einer Präsen­ta­tion zu machen, die das gesagte unter­strei­chen soll.

 

Dies führt dazu, dass die Bewe­gungs­neu­rone in der benach­barten moto­ri­schen Hirn­rinde feuern und die Bewegung vom Muskel­ap­parat ausge­führt wird. Man spricht hier auch vom Asterix & Obelix Prinzip. Der eine ist “schlau” und plant die Bewegung, der andere ist “dumm”, besteht nur aus Muskeln und führt die Befehle aus.

 

Oft wissen wir aber gar nicht warum dieses Asterix & Obelix Paar in Aktion getreten ist, also warum wir beispiels­weise eine bestimmte Geste gemacht haben. Der Grund dafür sind soge­nannte spontane Reso­nanz­phä­no­mene, wenn wir ganz unbe­wusst und “auto­ma­tisch” ein Lächeln erwidern, die Sitz­hal­tung unseres Gegen­über einnehmen, Gähnen wenn jemand anders gähnt, dem Blick anderer folgen usw. (siehe auch Teil 2 — Körper­sprache).

 

Die soge­nannten Spie­gel­neu­rone nehmen dabei eine beson­dere Stellung ein, denn dabei handelt es sich um Hand­lungs­neu­rone die feuern können, ohne dass dabei Bewe­gungs­neu­rone tätig werden. Also ein Asterix, der auch ohne Obelix aktiv sein kann, wie bei der Vorstel­lung einer Tätig­keit oder wenn ein anderer Mensch eine Handlung ausführt und wir sie nur beobachten!

 

Unter­su­chungen haben gezeigt, dass beim reinen Betrachten eines Vorgangs das gleiche Akti­vi­täts­muster im Hirn entsteht wie bei dessen eigener Ausfüh­rung. Leis­tungs­sportler nutzen beispiels­weise dieses Phänomen um zusätz­lich zum eigent­li­chen Training auch kognitiv zu trai­nieren, also ihre Bewe­gungen nur in der Vorstel­lung zu trai­nieren und so nachher im Wett­kampf tatsäch­lich besser zu sein.

 

Aber nicht nur bei eigenen Hand­lungen werden diese Spie­gel­neu­ronen aktiv. Beim Beob­achten anderer Menschen nehmen wir oft eine Innen­per­spek­tive ein, die uns hilft die Hand­lungen anderer intuitiv zu verstehen und mitzu­fühlen.

 

Ein einfa­ches Beispiel ist ein Film bei dem wir mit der Haupt­figur Freud und Leid erleben und ein emotio­nales Verstehen der Hand­lungen der Figur statt­findet. Dieses “Nach­emp­finden” für andere nennen wir Empathie. Der gleiche Prozess sorgt auch dafür, dass wir Sympa­thie oder Anti­pa­thie für einen anderen Menschen empfinden.

 

 

Was ist Sympathie?

 

Studien zeigen, dass wir Sympa­thie für die Menschen empfinden, die gut spiegeln können. Also Emotionen und Hand­lungen so auszu­drü­cken, dass wir sie als ange­messen empfinden.

 

Erzählt uns jemand lachend von einem tragi­schen Unfall, wider­spricht diese Wahr­neh­mung unserer eigenen und der Erwar­tung davon wie die Wahr­neh­mung des anderen sein sollte. Die Folge ist, dass wir unser Gegen­über unsym­pa­thisch finden. Genauso kann eine schöne Geschichte oder ein guter Witz, den wir selbst auch lustig finden dazu führen, dass uns die Person sympa­thisch ist.

 

Die Sympa­thie entsteht aber NUR wenn die Person spontan und authen­tisch ist, die Emotion und Handlung also Ausdruck ihrer tatsäch­li­chen Stimmung ist. Und dafür haben wir sehr feine Antennen, die haupt­säch­lich auf die Körper­sprache unseres Gegen­über einge­stellt sind (siehe Teil 2).

 

 

Wann bin ich “authentisch”?

 

Sei authen­tisch – ob in den Medien oder auch im persön­li­chen Gespräch, das ist gerade eine Art gesell­schaft­li­cher Impe­rativ. Authen­ti­zität ist die Währung für das echte, unver­fälschte Leben wie wir es uns für uns wünschen und auch gerne bei anderen sehen möchten.

 

Aber Authen­ti­zität ist eine Illusion. Wir alle sind Rollen­spieler, die je nach Situa­tion eine Rolle einnehmen. Selbst wenn wir nur für uns allein sind, versu­chen wir bewusst und unbe­wusst die Erwar­tungen an uns selbst zu erfüllen. Anders ausge­drückt, wir sind immer in einer Rolle.

 

Die Hamburger Sozio­login Gabriele Klein drückt es folgen­der­maßen aus: “Authen­ti­fi­zie­rung findet durch das Publikum statt… das Authen­ti­sche ist für mich eine Insze­nie­rungs­ka­te­gorie, damit immer theatral und eine Kate­gorie, die insofern perfor­mativ ist, als dass sie über Beglau­bi­gung durch das Publikum, durch den Anderen funk­tio­niert.” (Quelle: DLF, “Authen­ti­zität ist nur eine Illusion”)

 

Der Beob­achter, ist also derje­nige, der das Erlebte als authen­tisch rati­fi­ziert und beglau­bigt. Authen­ti­zität gibt es daher nicht an sich, sondern immer nur für den Zuschauer im Moment des Betrachtens.

 

 

Was bedeutet das für meine Präsentation?

 

Zur Wahr­neh­mung und inneren Abbil­dung anderer Menschen setzt das Gehirn dieselben Programme ein, mit denen es sich auch ein Bild von sich selbst modelliert.

Das System der Spie­gel­neu­rone fungiert dabei als ein soziales Orien­tie­rungs­system, das uns hilft die Menschen auszu­wählen, mit denen wir gut umgehen können. Freund und Feind zu unter­scheiden oder auch den Partner für die Fami­li­en­grün­dung zu finden.

 

Wir haben als Menschen den perma­nenten Wunsch uns zu spiegeln, wir sind süchtig nach anderen Menschen. Wir wollen das gut finden, was andere gut finden. So entstehen Trends und Massen­phä­no­mene. Die Medien- und Werbe­in­dus­trie macht sich das gezielt zu nutze und steuert so unser Konsum­ver­halten. Und wir können es nutzen, um in einer Präsen­ta­tion das Publikum für uns zu gewinnen.

 

 

Fazit: Authentisch präsentieren um Wirkung zu erzielen

 

Wenn ich mich auf der Bühne, in der Situa­tion, mit mir und vor dem Publikum wohl fühle, meine Selbst­wahr­neh­mung, meine Spie­ge­lung mir ein gutes Gefühl gibt, wird die Fremd­wahr­neh­mung des Betrach­ters dieses als authen­tisch und sympa­thisch bewerten. In der Folge werden meine Inhalte besser trans­por­tiert und nach­haltig wirken.

 

Um dies zu errei­chen, sollte ich mir bewusst sein über die Wirkung von Körper­sprache, Atmung, Stimme und Rhetorik und sie gezielt einsetzen um sowohl die Selbst- als auch die Fremd­wahr­neh­mung positiv zu beeinflussen.

 

 

Der Weg dahin geht nur über die Erfah­rung. Machen, machen, machen. Trai­nieren Sie Ihre Körper‑, Stimm‑, Atmungs- und Rheto­rik­mus­keln. Arbeiten Sie daran mit einem Coach. Lassen Sie sich von schlechten Erfah­rungen bei Präsen­ta­tionen nicht entmu­tigen, sondern nehmen Sie jedes Erlebnis als eine positive Erfah­rung auf ihrem Weg mit und lernen Sie daraus.

 

Und vor allen anderen Dingen: Haben Sie Spass!

 

 

 

Martin Kloss Besser PräsentierenMartin Kloss ist seit bald 20 Jahren als zwei­spra­chiger (Deutsch / Englisch) Schau­spieler, Mode­rator und Musiker vor der Kamera und auf den Bühnen dieser Welt unter­wegs. Darüber hinaus hilft er Unter­nehmen als Schau­­spiel- und Business Coach, schult Redner und Vortra­gende und bietet Work­shops zum Thema Selbst- und Fremd­wahr­neh­mung an. Weitere Infos: www.martinkloss.com

 

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