Wie schafft Eventpsychologie Wirkung, Steffen Ronft?

EventPsychologie Steffen Ronft

Das habe ich den Wegbereiter der Disziplin Steffen Ronft gefragt. Hier seine hilfreichen Gedanken:

 

Live-Kommunikation ist immer etwas Einzigartiges. Kein Event ist eins zu eins wiederholbar, kein Event gleicht dem anderen. Ich kann also nicht wie bei einem physischen Produkt Versäumnisse und Fehler im Nachgang korrigieren oder ein Update ausspielen.

 

Unter Umständen gefährde ich nicht nur die positive Wirkung meines Events, also beispielsweise das emotionale Erlebnis bei einem Konzert oder die kommunikative Zielsetzung bei einem Corporate Event, sondern sogar die körperliche und geistige Unversehrtheit meiner Gäste. Daher kommt allen an der Erstellung Beteiligten eine besondere Bedeutung zu. Das Event- und Messemanagement sowie die einzelnen Gewerke arbeiten gemeinsam auf Veranstaltungen hin, deren Adressat:innen immer Menschen sind.

 

Ein grundlegendes Verständnis, welche psychologischen Mechanismen auf Events zum Tragen kommen, ist daher aus meiner Sicht geboten, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Insbesondere während der Corona-Pandemie haben wir gesehen, wie sich Eventformate auch digital weiterentwickeln – nur eines ändert sich nicht: Der Mensch ist stets im Mittelpunkt und letztlich die entscheidende Determinante.

 

Eventpsychologie schafft…

 

1) Fundierung für ein besseres Teilnehmererlebnis

 

Es gibt nur die eine Chance, nur diesen einen Moment, an welchem die Besucher:innen dem Event ihre Aufmerksamkeit und Lebenszeit widmen – und diesen müssen wir möglichst optimal im Sinne der Gäste gestalten! Es gilt also in gewisser Weise einen Blick in Zukunft zu werfen und eine Wirkungsvorhersage zu treffen. Und dabei hilft uns das bereits vorhandene Wissen beispielsweise zur Multisensualität des Menschen aus der Wahrnehmungspsychologie (Ronft, 2021c). Wir können so auf Grundlage von wissenschaftlicher Forschung Entscheidungen fundiert treffen und den Wirkungsgrad unseres Events erhöhen.

 

Tipp: Auf Grundlagenwissen aus der Wahrnehmungspsychologie zurückgreifen

 

  • Events als Teamleistung: Wer im Planungs-, Umsetzungs- oder Evaluationsprozess von Events eingebunden ist, sollte über ein fundiertes Basiswissen über die menschliche Wahrnehmung verfügen. Denn erst durch das Zusammenspiel aller Beteiligten – von Projektleitung bis Servicepersonal – entsteht das von Besucher:innen individuell wahrgenommene Erlebnis. Jedes Gewerk trägt ein Puzzleteil zur Wahrnehmung bei. Wie auch bei einem echten Puzzle, stellt ein unpassendes Teil eine Lücke für das anvisierte Gesamtbild dar. Stört mich bei einem Konzert der Parkplatzstau vielleicht nur am Rande, sind schlechte Luft, zu wenige Toiletten oder eine nicht ausreichende Getränkeversorgung Einschnitte in Grundbedürfnisse und wesentliche Puzzleteile eines positiven Erlebnisses. 
  • Events als Synthese von Reizen: Uns sollte stets bewusst sein, dass der Mensch über zeitgleich mehrere Sinne Informationen aus der Umwelt aufnimmt. Entsprechend gilt es die visuellen, auditiven, olfaktorischen, gustatorischen und haptischen Reize während eines Event im Blick zu behalten. Welche proaktiv gesetzte Stimuli zahlen auf das multisensorische Eventerlebnis ein, welches sind eher auftretende Störreize? 
  • Reiz ist nicht gleich Reiz: Uns sollten Verarbeitungsprinzipien wie der Picture Superiority Effect bekannt sein, also dass Bilder schneller und besser als Textinformationen verarbeitet werden. Dies ist neben der Kommunikation auch für sicherheitsrelevante Aspekte wie der Beschilderung zur Besucherführung von großer Bedeutung: Daher Piktogramme statt Text.

 

 

2.) Einen Blick in Zukunft meines Events

 

Geschehnisse zuverlässig vorherzusagen war schon immer ein Menschheitstraum und wäre auch für das Eventmanagement revolutionär. Die Komplexität unserer Realität erlaubt zuverlässige Prognosen jedoch nur zu bedingt. Auf einer psychologischen Verhaltensebene ist dies aber mitunter möglich: Der Mensch greift in vielen Situationen auf Verhaltensmuster – so genannte Behavior Patterns – zurück, da die allumfassende Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen sowie rationale Entscheidungsfindung kognitiv nicht möglich sind. Aus der Forschungsrichtung Behavioral Economics kennen wir rund 200 solcher psychologischen Effekte und Phänomene, die im Eventkontext auftreten oder gezielt eingesetzt werden können (Ronft, 2021a). 

 

Tipp: Behavior Patterns zur Verhaltensvorhersage nutzen

 

  • Menschen verstehen: Um Entscheidungen und Verhalten unserer Gäste besser verstehen, sollten wir möglichst viele Behavior Patterns kennen und im Eventkontext erkennen können. Häufig folgt das Verhalten von Besucher:innen Mustern, die bei aufmerksamer Beobachtung oder Planung bereits vorherzusehen waren.
  • Menschen verführen: Wir müssen bedenken, dass sich Bedürfnisse und Entscheidungen durch Behavior Patterns überraschend leicht beeinflussen lassen. Ein bekanntes Beispiel ist der Priming Effekt: Nach einem ästhetisch bebilderten Vortrag über Tee wird in der darauffolgenden Pause mehr Tee als üblich getrunken.
  • Menschen sichern: Entscheidungen von Menschen zu beeinflussen kann im Extremfall Leben retten. Wir müssen daher Phänomene wie beispielsweise der Place Affiliation versus Person Affiliation bereits in die Veranstaltungsplanung einbeziehen: Menschen sehen den Eingang einer Location auch als Ausgang statt sich an einer Beschilderung zu orientieren (Place Affiliation). Gerade in Entfluchtungssituationen muss auf diesen Effekt seitens des Veranstalters reagiert werden. Es kann proaktiv mit dem Effekt der Person Affiliation, also einer Art Herdentrieb, proaktiv entgegen gewirkt werden. Die Gäste können so auch entgegen ihrem eigentlichen Verhaltensmuster durch ihnen unbekannte Wege geführt werden.

 

 

3.)  Inspiration und Innovationen für die Praxis

 

Die Psychologie ist eine breit gefächerte Disziplin, die sich von menschlicher Wahrnehmung, Sozialverhalten, Denk- und Lernprozessen bis hin zu biopsychologischen Effekten erstreckt. Längst ist die Psychologie in betriebswirtschaftlichen Managementthemen wie Leadership, Recruiting und Marketing angekommen. Daraus ergeben sich eigene Ausprägungen wie die Arbeits-, Organisations- oder Werbepsychologie. Eventpsychologie ist wiederum der interdisziplinäre Transfer psychologischer und neurologischer Erkenntnisse in das Eventmanagement und steht gerade am Beginn einer systematischen Entwicklung. Im Grunde kommen täglich neue Erkenntnisse hinzu (Ronft, 2021b).

 

Tipp: Interdisziplinärer Transfer von Wissenschaft zu Praxis vornehmen

 

  • Offen sein: Sowohl in wissenschaftlichen Fachzeitschriften als auch branchenspezifischen Konferenzen und Messen werden stetig neue Erkenntnisse diskutiert. Wir sollten uns immer wieder die Frage stellen, von welchen Erkenntnissen profitiert die nächste Eventplanung? Aus welchen Erkenntnissen können wir neue Inspirationen und Ideen ableiten? 
  • Mut zeigen: Wir sollten uns trauen, psychologische Erkenntnisse auf eigenen Events einzubringen und auszuprobieren. Warum nicht mit zu Piktogrammen überarbeiteten Beschilderungen den Gästen die Wegeführung erleichtern oder mittels Priming Effekt die gesunde Alternative am Mittagsbuffett attraktivieren? Wir sollten dabei jedoch stets die manipulative Wirkung des Einsatzes psychologischer Effekte selbstkritisch reflektieren und der Prämisse folgen, diese nur zum Wohle der Besucher:innen einzusetzen. 
  • Visionen haben: Technologische Entwicklungen erschließen neue Anwendungsfelder und wir müssen auch auf deren psychologische Wirkungsweise achten und diese untersuchen. Was bedeutet die Teilnahme über AR- oder VR-Brillen an einem Metaverse-Event für die Teilnehmenden? Gelten die gleichen psychologischen Prinzipien wie auf einem physischen Event? Gelten die Erkenntnisse der Umweltpsychologie zur Gestaltung von Umgebungen auch in virtuellen Räumen? Gerade in diesen Schnittstellen ergeben sich in Wissenschaft und Praxis neue Perspektiven und spannende (Forschungs-)Ansätze.

 

Fazit: Wie schafft Eventpsychologie Wirkung, Steffen Ronft?

 

Die Verknüpfung von Psychologie und Eventmanagement ermöglicht ein besseres Verständnis der zentralen Komponente eines jeden Events – des Menschen. Für Eventschaffende besteht mit psychologischem Hintergrundwissen die Möglichkeit wirkungsvollere Veranstaltungen zu kreieren. Stetig werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse publiziert und diskutiert, die im Sinne einer interdisziplinären Eventpsychologie in die Praxis übertragen werden können. Wir stehen hier noch am Anfang. 

 

 

Steffen RonftSteffen Ronft ist Dozent für Eventpsychologie sowie als Autor, Berater und Speaker tätig. Ein Mann mit Visionen und vor allem einer klaren Mission: Eventmanagement und Psychologie zur Eventpsychologie zusammenbringen und so Events – ob physisch oder virtuell – optimieren. Super Lesestoff zur Eventpsychologie!

 

Literaturverzeichnis:

Ronft, S. (2021a). Behavior Patterns. In S. Ronft (Hrsg.), Eventpsychologie. Veranstaltungen wirksam optimieren: Grundlagen, Konzepte, Praxisbeispiele (S. 313–366). Wiesbaden: Springer Gabler.

Ronft, S. (2021b). Eventpsychologie – ein interdisziplinärer Ansatz. In S. Ronft (Hrsg.), Eventpsychologie. Veranstaltungen wirksam optimieren: Grundlagen, Konzepte, Praxisbeispiele (S. 43–53). Wiesbaden: Springer Gabler.

Ronft, S. (2021c). Multisensuale Live-Kommunikation. In S. Ronft (Hrsg.), Eventpsychologie. Veranstaltungen wirksam optimieren: Grundlagen, Konzepte, Praxisbeispiele (S. 147–168). Wiesbaden: Springer Gabler.

 

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