Begegnung mit Martin Schleske: Menschen eine Stimme geben

Begegnung mit Geigenbauer Martin Schleske // Trailer zu „Die Seele der Geige“ (Quelle: youtube)

 

 

Im Juli 2017 besuchte ich den Geigenbaumeister und Schriftsteller Martin Schleske in seinem Atelier in Landsberg am Lech. Mit den drei Fragen meiner Blogserie Begegnung gestalten bin ich in unsere Begegnung gegangen. Viele Stunden später hatte ich nicht nur ein ganz besonderes Erlebnis, sondern auch viele tiefgreifende Gedankengänge im Gepäck. Offen gestanden: Der Umfang, aber auch der Tiefgang haben zwei Jahre bis zur Veröffentlichung gebraucht. Aber die zeitlosen Gedanken haben es in sich. Auch wenn der folgende Text 20 Minuten Lesezeit in Anspruch nimmt, lohnt es sich bis zum letzten Satz. Viel Freude mit folgenden Ideen rund um wirkungsvolle Begegnungen, Events, Glück und Liebe…

 

Martin Schleske Atelier

 Bank, an der unser Gespräch im Dachgeschoss stattfand // Alle Bilder: Tobias Kreissl

 

 

Martin Schleske, was macht für dich eine wirkungsvolle Begegnung aus?

 

Wenn Begegnung einen gemeinsamen Weg geht, dann zielt sie auf Beziehung ab. Beziehung hingegen ist auch wieder nur eine Vorstufe von Einheit. Beziehung zielt also auf Vereinigung ab. Somit verfolgt die Begegnung für mich das Ziel eins zu werden. Ich finde es lässt sich gut als Dreiklang beschreiben: Begegnung, Beziehung, Einheit.

 

Als Bild dafür dient mir das Ohr. Das Außenohr ist das Sammelnde, wo der Schall antrifft und Begegnung stattfindet. Das Mittelohr ist die Übertragung bzw. Übersetzung. Das Innenohr ist das Besondere, wo die Transformation stattfindet, welches die Einheit darstellt.

 

Für dieses „eins werden“ durch Begegnungen gibt es für mich viele Beispiele. Das stärkste finde ich allerdings ist das des Musikers, der eins wird mit dem Instrument. Dort ist für ihn irgendwann nicht mehr klar: „Spiele ich das Instrument oder spielt das Instrument mich?“, „Spiele ich die Musik oder spielt die Musik mich?“. Er wird vollkommen eins im Klang. Geschieht diese Einheit nicht, so bleibt er ein Instrumentalist und es bleibt für ihn eine einfache Begegnung mit dem Instrument.

 

Hiermit lässt sich für mich als gläubiger Mensch auch die Beziehung zu Gott erklären. Die Beziehung zu ihm entsteht daraus, dass ich ihm begegnet bin. Es gab also einen Moment, bei dem ich aus meinem Alltagsdenken herausgerissen wurde. Das kann etwas Erschütterndes, etwas Begeisterndes – grob gesagt: etwas Übernatürliches gewesen sein. Aus dieser Begegnung kann eine Beziehung entstehen. Aber da sollte man nicht stehen bleiben, denn es geht um das eins werden mit ihm. Er in uns und wir in ihm. Es geht darum, dass Gott durch uns klingen kann. Wir sind die Instrumente und werden gespielt von dieser Musik, die das Heilige ist bzw. die Kraft und die Weisheit Gottes, die uns umgibt. Dort ist ein Spiel vorhanden. Diese Beziehung hat etwas Spielerisches. Das ist es eigentlich immer, dass Beziehungen etwas Spielerisches bzw. einen Charme haben.

 

Begegnung ist der Anfang von Beziehung. Jede Beziehung braucht Begegnung und das Erkennen des Anderen. Begegnung hat also für mich ganz viel mit „Erkennen“ und „Anerkennen“ zu tun. Das steckt auch in dem Wort „anerkennen“ drin, dass man den Anderen erkennt und wahrnimmt, wer er ist. Ich glaube, dass es ein tiefes Urbedürfnis von uns ist, dass wir erkannt oder auch angesehen werden wollen, wie wir sind.

 

 

Wenn ich dies auf die Begegnung von Menschen bei einem Event anwende, scheint es mir utopisch, dass die Gäste miteinander eins werden – oder sollte das immer das Ziel sein?!

 

Es kann stattfinden in manchen Elementen. Allein beim gemeinsamen Klatschen zur Musik oder bei dem rhythmischen Mitschwingen zum Klang der Musik passiert etwas. In der Musik, oder was im christlichen Rahmen „Lobpreis“ genannt wird, dort kann Einheit entstehen. Denn das ist für mich genau der Sinn von Lobpreis und Anbetung. Es geht nicht darum, dass ich konsumiere, sondern, dass ich Teil davon werde, was gerade passiert. Ich würde sagen, dass ich auf einem Event eher der Konsument bin. Im Lobpreis hingegen möchte ich Teil davon werden, ich klatsche mit, bewege mich mit zur Musik und bekomme etwas mit von der Gegenwart Gottes.

 

 
 

Ich denke gerade an den schwedischen Film „Wie im Himmel“, wo es darum geht, dass alle den gemeinsamen Klang finden und gemeinsam eins werden…

 

Ja, und da fällt besonders auf, dass Einheit nichts mit Konkurrenz zu tun hat. Zu Anfang gab es die verschiedenen Chöre, die alle versucht haben, die besten zu sein, bevor sie irgendwann gemeinsam ihre Stimmen benutzt haben und den einheitlichen Klang gefunden haben. Das ist die Botschaft des Filmes: Entgegen der anfänglichen Zielsetzung, den besten Chor herauszufiltern, läuft es am Ende darauf hinaus, dass sie alle eins werden. Und das ist auch Lobpreis.

 

 

Worauf achtest du bei der Gestaltung einer Begegnung?

 

Vor dem Hintergrund, dass ich ein Geigenbauer bin: Ich will dem Menschen, dem ich begegne eine Stimme geben. Die Geige ist der Gesang seiner Seele. Es spielt keine Rolle, welches Instrument es ist, das der Mensch nutzt, aber es geht immer um den Gesang. Es geht darum, dass der Mensch lernt, wie er seine Stimme formt. Auf dem Weg dorthin hindert ihn immer die Angst. Angst ist immer der Hauptkeil, der dazwischen geschlagen wird, dass es weder zur Begegnung, noch zur Beziehung und Einheit kommt.

 

Ich merke das auch selbst in der Werkstatt. Wenn die Angst hochkommt, dass das, was ich gerade baue, nicht gut genug für meinen Kunden ist, dann wird es schon schwierig. Davon versuche ich frei zu werden, indem ich mir bewusst mache: „Ich muss die Geige nicht verkaufen!“ Das geht natürlich besser in Zeiten, in denen es mir finanziell gut geht, aber ich möchte es auch sonst vollkommen lernen.

 

Ich glaube, wir sollten uns viel öfter lösen von diesem Zwang des Müssens! Wir reden viel zu häufig davon, dass wir etwas müssen. Wir unterwerfen uns somit unserem eigenen Diktat. Ganz extrem ausgedrückt: Wir begehen Gotteslästerung, denn nur Gott weiß, was geschehen muss. Er hat allerdings die Demut es nicht durchzusetzen. Frei von der Angst werde ich nur, wenn ich offen bin, dass es auf verschiedene Weisen geschehen kann. Das bedeutet, dass ich nicht verbissen sage: „So soll es werden!“

 

Man kann auch mit dem Körper auf die Seele einwirken. Meine andere Art, wie ich frei von der Angst werde, sind Qi Gong-Übungen, die ich für mich auch Gebetsübungen nenne. Wenn ich merke, dass diese Angst kommt, dann mache ich die Übungen und merke wie ich die Angst loslasse und die Freiheit aufnehme und Ruhe spüre. Man kann sich also auch selber helfen, z.B. durch das ruhige Atmen, „entängstigt“ zu werden.

 

Die Angst steht also immer im Wege zur Begegnung: Wir können allerdings über den Körper auf uns einwirken oder wir können über den Geist auf uns einwirken.

 

Genauso zerstört aber auch ein falscher Ehrgeiz mein Ziel. Zu viel zu wollen ist genauso schädlich wie zu wenig zu wollen. Das bedeutet, dass es gut ist das Maß zu halten. Und das bedeutet Keuschheit: weder zu viel, noch zu wenig zu wollen.

 

Martin Schleske Begegnung Geige

 Martin Schleske // Fotos mit freundlicher Genehmigung von Tobias Kreissl

 

 

Im großen Ganzen geht es für mich darum, sein Herz zu reinigen, denn nicht nur die Angst hindert daran eine Begegnung wirklich zu genießen. Neben Angst können auch Verletzungen, Unversöhntheit, Bitterkeit oder Sorgen dazu führen, dass der Begegnung etwas im Wege steht. Es geht also darum sich innerlich zu klären und sich das eigene Herz zeigen zu lassen. Das bedeutet für mich auch Gebet oder die Stille. Gebet heißt für mich auch, dass ich still werde und meine Klappe halte und frag: „Was möchtest du mir sagen?“ Und dann werden wir immer wieder erschüttert sein über die Behutsamkeit Gottes. Er knallt nicht herein in mein Leben, so nach dem Motto, dass er endlich mal was sagen könne…

 

Die Seligpreisung heißt: „Selig sind die, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Matthäus 5,8). Damit werden sie die wahre Begegnung mit Gott haben, weil sie reinen Herzens sind. Hier wird noch einmal verdeutlicht, dass wir uns innerlich klären müssen. Deshalb gehe ich morgens immer in eine Zeit der Stille, die für mich Zeit des Klärens bedeutet. Da frage ich mich selbst: „Wie geklärt beziehungsweise ungeklärt bin ich?

 

Wenn viel innerer Lärm ist – wie z.B. Sorgen oder Enttäuschungen – dann kann ich gar nicht hören und es gibt keine Begegnung. Dann ist es die Kunst, den Lärm bzw. die Unstimmigkeiten wie bei einem Instrument zu stimmen. Man kann sagen: Ein Mensch stimmt sich dann, wenn er weiß, was seine Quellen sind, aus denen er lebt. Es ist wichtig, dass wir viel weniger zielorientiert und dafür mehr quellenorientiert leben. Wenn wir aus der Quelle herausschöpfen, dann sind wir offen für Begegnung.

 

Insgesamt möchte ich damit sagen, dass es hinderlich ist mit Angst und der Arroganz zu leben, dass man alles schaffen möchte. Vielmehr sollten wir aus unseren Quellen heraus leben und uns selbst klären.

 

 

Ich muss innerlich schmunzeln, denn das Leben eines Eventmanagers besteht zu 99% aus Unruhe. Zum einen, weil das der Job mit sich bringt, aber auch weil wir so „last-minute“ zugeschüttet werden mit Herausforderungen.

 

Ja, aber dann ist es vielleicht gut sich nicht zu überfordern mit dem Anspruch der Ruhe, sondern zu sagen, dass 10 Sekunden eine Ewigkeit an Ruhe sein können. Also sich in bestimmten Situationen ein Ritual anzugewöhnen und zum Beispiel für zwei Minuten die Augen zu schließen. Selbst wenn es andere mitbekommen, würde ich es trotzdem machen, denn es bringt eine unglaubliche Ruhe. Und die zwei Minuten hat jeder! Man muss nicht eine halbe Stunde Stille haben – im Gegenteil! Wenn man sonst nicht viel Stille hat und plötzlich so viel davon, dann säuft man ab. Die Entschleunigung ist krasser, als die Beschleunigung. Man kann klein anfangen und ich denke, dass jeder aus dieser Zeit Kraft schöpfen kann. Wir erkennen nur durch innehalten.

 

Die Stille ist nicht nur, dass es ruhig sein muss. Stille kann man durchbuchstabieren. Beispielsweise bedeutet die Stille des Willens, dass ich einen Abstand bekomme, zu dem, was sein muss. Dann lebe ich nicht mehr im Wollen, sondern mit der Gelassenheit zu sehen, was wächst. „Leben im Wachsen und nicht im Wollen“, finde ich passt ganz gut dazu.

 

Ich denke auch, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer abgründigen Unruhe bzw. Getriebenheit und einer heiligen Unruhe. Die heilige Unruhe erlebt jemand, der in seiner Berufung lebt. Er darf am Abend erschöpft und kraftlos sein, weil er das getan hat, was er tun sollte. Aber es ist keine resignierte, sondern eine erfüllte Erschöpfung. Das möchte ich noch ergänzen, damit meine Hinweise zur Ruhe nicht missverstanden werden und jemand denkt, wir sollten nur noch komplett ruhig sein.

 

 

Was können Eventmanager davon konkret für ihren Alltag lernen? Worauf sollten wir acht geben?

 

Es gibt ja grob gesagt zwei verschiedene Arten Menschen: extrovertierte und introvertierte. Ich beantworte die Frage jetzt aus der Sicht des Introvertierten.

 

Mir würde dieses Gefühl helfen, was ich am Anfang erwähnt habe, dass ich erkannt und gesehen werde. Ich mag beispielsweise gar nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass ich zu etwas gezwungen werde, wo ich mit meiner Seele gar nicht dabei bin. Das heißt, es wird eine künstliche Einheit erschaffen, indem plötzlich alle aufstehen müssen und klatschen sollen. Dabei sollte meine Seele freudig sein, aber sie ist überhaupt gar nicht fröhlich! Es wird ein Massenerlebnis inszeniert, in der alle gleich empfinden sollen, also werde ich nicht gesehen, als der, der ich bin. Das ist dann das, was mich stört und wo ich mich vergewaltigt fühle bei einem Massenevent. Also: Gibt es eine Art von Individualisierung – ein Ausmaß an Freiheit – in der die vielen verschiedenen Seelenzustände sich Zuhause fühlen?

 

Es ist sicher sehr erfüllend und nachhaltig, wenn es gelingt, dass ein wirkliches Einheitserleben entsteht. Das geschieht, wenn ein gemeinsames Erkennen passiert. Beispielsweise wenn eine mitreißende, gute Rede gehalten wird, die allen Beteiligten bewusst macht, wer sie sind. Es könnte auch eine Dankbarkeit aufbrechen, für das, was ist oder eine Vision entwickelt werden. Wenn dann innerlich ein „Ja genau, so ist es!“ aufkommt und man darin eins wird, dann ist es glaube ich ein sehr wohltuendes Eins-werden.

 

 

Inspirierende Rede von Bundespräsident a. D. Christian Wulff // Quelle: youtube

 

 

Das habe ich zum Beispiel in der ganzen Flüchtlingsthematik vermisst. Die Bundeskanzlerin hielt eine Rede, in der der Stolz durchkam: „Wir sind ein starkes Land und wir haben die Kraft anderen zu helfen und das gibt uns Würde. Es macht uns nicht nur unsicher und das kostet alles nicht nur Geld.“ Also eher zu hinterfragen: Erkennen wir was für eine Schönheit ein Volk hat, das bereit ist, anderen Schutz zu geben? Das ist die Würde eines Volkes. Wofür leben wir denn überhaupt? Doch nicht dafür, dass wir noch mehr Steuerentlastung haben und noch mehr Wohlstand?! Unser Glück steigt dadurch nicht, denn es ist in den letzten Jahren trotz größerem Wohlstand auch nicht gestiegen. Immer dann wenn das Publikum innerlich zustimmt, entsteht wahre Einheit. Für mich gehört so ein Aspekt von Vision zu einem Event dazu, denn es reicht nicht, wenn hinterher nur gesagt wird, dass es lässig oder cool war.

 

 

Interessant, weil die meisten Events darauf abzielen mit effektvoller Verpackung zu beeindrucken und oft davon ablenken, dass sie inhaltlich nichts zu sagen haben.

 

Beeindrucken, das ist ein gutes Stichwort. Ich denke, dass das Ego beeindrucken will und das Ego auch nur beeindruckt werden kann. Das Ego ist ein Teil von mir und ist die nicht geführte Seele. Die Seele hingegen will berühren und berührt werden. Dass etwas beeindruckend oder berührend war, ist ein Unterschied. Ein starkes Event war nicht nur beeindruckend, sondern auch berührend. Berührende Momente sind Momente des Innehaltens, der Ehrlichkeit oder des Schmerzes.

 

Ganz grob gefasst: Ein gutes Event macht die Menschen glücklich. Das ist unser Ziel und es ist auch ein biblisches Prinzip, denn Jesus sagt: „Ich bin gekommen; ihr sollt ein erfülltes Leben haben.“ Jetzt ist die Frage: Was ist aber Glück? Ich denke es gibt drei Teile von Glück: Das Glück des Leibes, der Seele und des Geistes. Das Glück des Leibes ist Wohlbefinden. Wenn ich mit meinem Körper zu einem Event gehe und nicht einfach nur vor einem Bildschirm sitze, dann ist das Glück des Leibes mit dabei. Das Glück der Seele ist Freude. Konnte ich zum Beispiel herzhaft lachen, kann man sich dann fragen. Das Glück des Geistes ist Sinn. Wofür lohnt es sich, dass ich mich investiere oder dass ich da bin?

 

Das merkt man bei manchen Events, dass das Glück des Geistes nicht mehr vorhanden ist. Genau dann versucht man verzweifelt das Glück der Seele – die Freude – hilflos nach oben zu pushen. Dadurch entsteht ein Übermaß. Das Übermaß des Glücks des Leibes wäre beispielsweise Sucht. Sucht entsteht durch den Mangel an dem Glück des Geistes. Man versucht hilflos diesen Mangel zu kompensieren. Dieses Ungleichgewicht kann sich in alle drei verschiedenen Richtungen ausprägen.

 

Wenn ich Events mache, wenn ich sowas wie die Erfahrungssucht der Menschen bedienen möchte, dann kommt es nicht zu dem eigentlichen. Also ich könnte es jetzt in meinem Kontext sagen: Der sicherste Weg, Gott nicht zu erfahren, ist, „Gotteserfahrungen“ machen zu wollen. Das heißt: aus Gott ein „Event“ zu machen. Dabei geht es dann um Erfahrungen, dass ich etwas erlebe und nicht um Gott. Dann ist es nicht mehr Liebe. Der beste Weg Erfahrungen machen zu wollen ist nicht der Wunsch eine Erfahrung wirklich zu machen, sondern zu lieben oder letztendlich geliebt zu werden. Ich mache dann Erfahrung, weil es mir um das geht, was ich liebe. Weil ich etwas Schönes ins Leben setzen will baue ich eine Geige und dann wird es auch eine schöne Geige. Nicht, weil ICH eine tolle Geige bauen will. Genauso ist es mit dem Glauben: Ich will nicht Gott erfahren, sondern ich will Gott lieben. Das Ego will also immer Erfahrungen. Daraus folgt, dass das Ego immer Events möchte. Deshalb hat das Eventmanagement etwas Abgründiges, weil ich die Erfahrungssucht der Menschen immer wieder bedienen möchte. Ich habe auch nicht die perfekte Lösung, aber vielleicht sich bei der Eventplanung zu überlegen: Ich möchte, dass die Leute eine Art von Liebe erleben oder ausleben.

 

Letztendlich glaube ich, gibt es nur die eine Frage, die uns im Leben gestellt wird: „Wie willst du diesem Leben deine Liebe zeigen?“ Wenn du das Leben liebst, wirst du das Leben erfahren, weil du nicht überlegst, was du herausbekommst, sondern wofür du dich hingeben kannst. Durch Hingabe bekommst du Erfahrung.

 

 

Ja genau, Glück stellt sich doch immer dann ein, wenn es nicht um mein Ego geht, sondern wenn ich mich für den anderen verschenke.

 

Genau, das wäre vielleicht so eine Gretchen Frage bei einem Event. Ob ich wirklich nur die Erfahrungssucht des Publikums bediene, oder ob ein wirkungsvolles Event auch etwas anderes sein kann.

 

Begegnung Martin Schleske Geigenbauer

Martin Schleske in seinem Atelier in Landsberg am Lech

 

 

Wie würde das für dich aussehen? Was würde dich zutiefst berühren?

 

Das ist schwer zu sagen, wie das in der Gemeinschaft aussehen könnte. Es ist so ein Kairos-Moment, wo man spürt: „Jetzt ist etwas passiert! Jetzt wurde etwas bewegt!“ Das hat schon was mit Lobpreis zu tun! Ich bin nicht jemand, der Lautheit liebt. Ich liebe vielmehr die Stille. Aber ich bin dann im Lobpreis manchmal sehr glücklich, wenn ich merke, dass ich mich mal traue, meine Seele ganz hereinzuwerfen in den Lobpreis. Das hat ein stückweit damit zu tun, sich anzuvertrauen in das Gemeinsame. Es ist ein gemeinsamer Dank, eine gemeinsame Freude.

 

Das ist dann keine Erfahrungssucht, die ich befriedige, sondern etwas, in das ich mich selbst gern hineingebe. In dem Moment werde ich eigentlich selbst zum Event. Das Event findet statt, durch die, die sich gemeinsam hineingeben. Wie das bei so etwas profanen wie einer Autoshow stattfinden kann, weiß ich leider grade nicht.

 

 

Nehmen wir mal einen Führungskräftetag. Da stellt sich die Frage: In welchem Maße darf sich eine Einheit entwickeln? Was ist da überhaupt angemessen?

 

Ja, das stimmt, ohne sich dabei fremd zu sein. In einem Wirtschaftskontext wäre für mich -analog zu der Form von Lobpreis- das gemeinsame Erschüttern für die eigene Verantwortung und das Mandat, das diese Gruppe hat. Dass man sagt: Wir wollen miteinander etwas anderes sein, als nur Profitmaximierer und das Commitment eingehen, dass wir nicht auf Kampf groß werden wollen, sondern gut werden wollen. Außerdem, dass Menschen ein hohes Maß an Zufriedenheit haben, wenn sie bei uns in der Firma arbeiten. Wenn solche Überzeugungen hochkommen, dann ist das so eine Art von Lobpreis der Führungskräfte.

 

Bildlich ausgedrückt: Man kann entweder Diener oder Knecht sein. Werde ich geknechtet, durch die Wirtschaftszwänge, die mir aufgedrückt werden oder bin ich ein Diener, mit den Gaben, die wir als Firma haben. Dann stimmen Identität und Image überein. Dann muss die Firma nur zeigen, was sie ist und das ist ihre Identität bzw. ihr Image.

 

Herzlichen Dank Martin Schleske für diese wundervolle, interessante und authentische Begegnung!

 

 

Martin Schleske Geigenbauer Schriftsteller

 

Martin Schleske ist Geigenbaumeister und Schriftsteller. Geboren 1965 in Stuttgart lässt er sich an der Staatlichen Geigenbauschule Mittenwald ausbilden und lernt in einer Forschungswerkstatt für Geigenbau. Als Dipl.-Physik-Ing. schließt er sein Physikstudium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft München ab. Nach der Meisterprüfung im Geigenbauer-Handwerk gründet er 1996 seine eigene Meisterwerkstatt für Geigenbau (Schwerpunkt Neubau) mit Akustiklabor. Die Instrumente des Geigenbaumeisters Martin Schleske werden mitunter von international konzertierenden Solisten und Konzertmeistern renommierter Orchester gespielt. Etwa 30 Instrumente der Solistenklasse (Geigen, Bratschen und Violoncelli) verlassen jedes Jahr das Meisteratelier. Martin Schleske ist regelmäßig als Referent tätig und liebt ebenso sein schriftstellerisches Schaffen. Der geistliche Klassiker „Der Klang“ (2010) wurde als Bestseller in mehrere Sprachen übersetzt. Martin Schleske ist seit 1990 mit Claudia verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Söhne.

 

 

Mehr Inspiration findet ihr in meinem Buch „Begegnung gestalten – 33 Interviewsauf Amazon.

 

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