Ich bin wieder da // Rückblick auf mein halbes Jahr Auszeit

Auszeit: Ich bin wieder da // Rückblick auf mein Sabbatical (Quelle Video: David Lindberg)

 

 

Man muß die Dinge auch so tief sehen, daß sie einfach sind.
Wenn man nur an der Oberfläche der Dinge bleibt, sind sie nicht einfach;
aber wenn man in die Tiefe sieht, dann sieht man das Wirkliche und das ist immer einfach.
// Konrad Adenauer (1876-1967)

 

 

6 Monate habe ich keine Aufträge angenommen. 15. Juli 2016 bis 15. Januar 2017.
Seit dieser Woche bin ich wieder mit viel Spaß als Ablaufregisseur unterwegs.

 

 

Zeit für einen Rückblick

 

In meiner Ankündigung für das Sabbatical sprach ich von dem „Respekt“ vor der Leere. Doch obwohl ich mich mit ihr auseinandersetzen musste, war die Sorge unbegründet. Meine Auszeit war gespickt mit wertvollen Begegnungen und persönlichen Entdeckungen, die mich in die Tiefe geführt haben. Ich habe unfassbar viel gewonnen in diesem halben Sabbatjahr.

 

Warum überhaupt eine Auszeit nehmen? Vor allem wollte ich Zeit für Beziehungen haben – für Familie, Freunde und mich. Leben lässt sich in der Familie nicht beschleunigen. Das Ins-Bett-bringen oder Wäscheaufhängen dauert eben so lange, wie es dauert. Dingen und Menschen die Zeit geben zu können, die sie eben brauchen und mich dabei neu auszurichten – darum ging es in dem lang geplanten Sabbatical. Schönes Kontrastprogramm zu meinem sonst schnelllebigen Arbeitsleben.

 

 

Ich bin wieder da Auszeit Sabbatical

 

 

Die Essenz der Auszeit: Sinnhaftigkeit, Achtsamkeit, Glück

 

Ich liebe es, Events zu gestalten. Das ist mein Ding. Ideen eine Bühne geben, die Perspektivwechsel ermöglichen und Atmosphären kreieren, in denen Veränderung möglich ist. Es ist unfassbar, packende Shows und Momente im Team zu inszenieren, auf der Welt unterwegs zu sein, meine Begabungen zu entfalten und diesen Traum leben zu dürfen. Man könnte auch sagen: Es ist wie auf Droge.

 

Wenn dann aber auf einmal der Stoff ausbleibt, setzt der Entzug ein. So war es in den ersten Wochen. Ich war unruhig und unzufrieden, mir fehlten produktive Ergebnisse, ich konnte mich schwer auf die Menschen um mich herum und die Leere einlassen.

 

Das hat mir auch gezeigt, wie Arbeit die höchste Priorität in meinem Leben geworden ist. Das schlimme an so einem „Götzen“ ist, dass er nie die Befriedigung gibt, die man sich erhofft. Mir stellte sich darum die große Frage:

 

 

Wie will ich eigentlich leben?

 

 

Schon zum Anfang der Auszeit kam mir der Gedankengang: Könnte es sein, dass ich Erfüllung im Leben nicht durch das Fokussieren auf mich und meine Projekte erreiche, sondern nur durch das Verschenken an den anderen? Der Mönch Notker Wolf schreibt „Loslassen und wegsehen von sich selbst ist wichtig. Es bleibt dabei: Wer sich nicht mehr nur um sich selbst dreht, wer sich nicht mehr sucht, der wird sich finden.

 

Ich würde nicht sagen, dass ich da schon angekommen bin. Aber einiges hat sich für mich noch einmal neu geordnet. Ich möchte vor allem in glücklichen Beziehungen leben und Sinnhaftigkeit in meiner Arbeit entdecken. Ersteres war in den letzten Jahren immer kürzer geraten.

 

Das eigentliche Ziel war also klar: weniger ich – mehr andere.

 

Aber um sich auf andere einlassen zu können, ist es ebenso wichtig sich selbst besser kennenzulernen. Durch unterschiedlichste Zugänge kam ich immer wieder auf den Aspekt Achtsamkeit: Mich selbst spüren, Emotionen wahrnehmen, verstehen wie und warum ich so ticke. Der Grad der Selbstwahrnehmung zeigt sich an der Beantwortung der Frage: Wie geht es mir eigentlich?

 

Eine fantastische Übung dazu durfte ich in einem Gebetshaus kennenlernen: Kontemplatives Gebet. Begegnung mit Gott und mir selbst. Wahrnehmung, im Hier und Jetzt sein, den Atem spüren.

 

Ein neuer Zugang zu mir.

 

 

Ich bin wieder da Auszeit Sabbatical

Auf Facebook zeige ich den dekorierten Teil meines Lebens. Ich bin überall. Doch in Wahrheit: nirgends.
// York Pijahn in der Titelgeschichte des Wolf Magazin

 

 

Zeit für Erinnerungsmomente

 

In dem halben Jahr war viel Zeit für Alltag in der Familie. Ich konnte meine Frau entlasten, die dadurch selbst einige spannende Arbeitsprojekte angehen konnte. Und gemeinsam mit meiner Familie oder Freunden oder auch mal ganz allein erlebte ich Dinge, an die ich mich immer erinnern werde: Neben einem Familienurlaub auf dem Bergbauernhof in Südtirol, Gardasee, Venedig und Wien standen Kultur und Natur ganz oben auf meiner Liste.

 

Lesen, wandern auf dem Venediger Höhenweg (Bild oberhalb), schwimmen im Winterwarmfreibad, alle zwei Tage laufen am Rhein, Saunagänge mit Freunden, Kulinarik und Kino, Pinakothek der Moderne mit einer liebenswürdig-verrückten Feministin oder mit meiner Tochter in Köln das Wallraf-Richartz-Museum besuchen, Jahrhunderthalle Breslau mit den besten zwei Freunden aus Schul- und Unizeit entdecken (und diese Videoinstallation endlich mal live erleben), kontemplatives Gebet im Gebetshaus, Konzerte ohne Handy zücken und filmen – einfach ganz da sein.

 

Das Highlight war die Geburt meines Sohnes Leonard James kurz vor Weihnachten – bestes Geschenk ever!

 

 

Was hat Veränderung hervorgerufen?

 

Die Chance einmal längere, ungestörte Zeit zu haben sein eigenes Leben von außen zu betrachten und in vielen Gesprächen und Momenten zu reflektieren – das war ein großes Vorrecht. Bewußt ohne Ziel losgehen, einfach mal wahrnehmen. Da kam einiges hoch. Auch Bücher wie dieses haben mir interessante neue Perspektiven auf das Leben eröffnet.

 

Aufgrund der Erlebnisse in der Auszeit lautet mein Vorsatz für 2017:
Weniger Digital – mehr Analog. Weniger Mails, mehr Anrufe.
Dinge tun und das Ergebnis geniessen. Am besten zusammen.

 

 

Auszeit: Was bleibt? Wie geht es weiter?

 

Auszeiten werde ich fest in meinen Kalender verankern, kurze wie lange. Mein Vorbild Stefan Sagmeister plädiert dafür, die fünf Jahre „freie Zeit“ zwischen 65 und 70 vorzuziehen. Immer wieder auch während der Berufstätigkeit Pausen zu nehmen. Nicht um wie im dem Video oberhalb skizziert ein Leben lang zu arbeiten, dabei sich selbst und das eigentliche Ziel aber zu verfehlen. Das lohnt sich einfach nicht. Dafür wartet einiges in einer Auszeit: Sinn, Freu(n)de, Wachstum, Inspiration.

 

Mich hat die Zeit glücklich gemacht und verändert. Die Achtsamkeit mir und anderen gegenüber schafft eine gute Basis. Ich plane, durch einige Entscheidungen in den nächsten Jahren noch sinnhaftiger zu arbeiten und mehr im Moment zu leben. Mehr zu diesen Maßnahmen und wie das zu trotzdem angemessner Produktivität führt – darum wird es in zwei Wochen im nächsten Blogpost gehen.

 

 

Frage: Wie willst du leben? Was ist zu ändern? Bist du glücklich? Wie könntest du eine Auszeit angehen?

 

 

Lesetipps zur Auszeit:
PAUSE: Warum du mehr erreichst, wenn du weniger arbeitest…
Harvard-Absolventen-Studie „Grant“ – fast eine Anleitung zum Glücklichsein für Männer (hier der TED Talk)
Rückblick auf das Sabbatical von Sascha Poddey (music4friends) – 3 TOP Erkenntnisse zur Auszeit
..und das verlinkte Video oben noch mal schauen – aber in Ruhe 🙂

 

Comments