Sound Designer über Prinzipien des guten Live-Tons

30. April 2015

Sound Designer über die Tonef­fekte bei “Der Hobbit” — Event kann da noch vom Film lernen // Quelle: youtube

 

 

Nach meinem Plädoyer für mehr Beach­tung des Tons bei Events hier einige Stimmen von Sound Desi­gnern mit ihrer jewei­ligen Sicht auf guten Ton, worauf es ankommt und was bei Corpo­rate Events besser werden kann.

 

 

1. Tim Bruchhaus // Sound Designer aus Düsseldorf, Broken Sundays

 

Gutes Live Sound­de­sign zeichnet sich durch den Mut aus, Wege abseits der normalen audio­philen Haus­manns­kost zu beschreiten. Ich habe fest­ge­stellt, dass man den Kunden auch mit einem Sound begeis­tern kann, den er viel­leicht nicht erwartet hätte. Dies gibt dem Auftrag­geber die Möglich­keit, das Produkt oder die Show in einen völlig neuen Kontext zu stellen. Wenn er es denn wünscht…

 

Du hast es bereits selbst ange­spro­chen — der Kunde sollte den Stel­len­wert der Musik bezie­hungs­weise des Sounddesign´s nicht zu gering einschätzen. Guter Ton öffnet dem Hörer eine neue Ebene des Erlebens. Er setzt Emotionen frei und vervoll­stän­digt das Visuelle. Ohne perfekt abge­stimmten Sound keine gute Präsen­ta­tion! Studien haben bereits gezeigt, das die Wirkung von Tönen einen viel tieferen Eindruck hinter­lässt, als das Bild (Babys hören bereits im Mutter­leib und reagieren auf Zuspruch!).

 

Mein Impuls ist und bleibt, bei allem was ich mit Musik (und auch ausser­halb von Musik) mache, Menschen zu berühren und einen blei­benden Eindruck zu hinter­lassen. Eine Gänse­haut beim Hörer zu verur­sa­chen, ist immer eines meiner Ziele und gleich­zeitig ein wunder­volles Kompli­ment an meine Arbeit.

 

In diesem Fall Arbeit = Passion!

 

 

2. Roberto Emmanuele // Creative Producer aus Frankfurt, Move GmbH

 

„Der gute Ton“ macht die Musik — das ist die Basis. Guter Ton ist nicht nur über­haupt im Leben wichtig, sondern steht auch sinn­bild­lich dafür: Sowohl im Leben wie auch in der Insze­nie­rung — bei einem Gespräch oder bei einer Show.

 

Wissen­schaft­lich ist bewiesen, dass der „Hörsinn“ grund­sätz­lich auch die aller­stärkste Wirkung auf uns Menschen hat! Gleich­zeitig leidet jedoch der Ton unter der Tatsache, dass man Ton eben nicht sieht. Deswegen wird er oft auch unter­schätzt, denn ein großes Bild, eine Skulptur etc. kann man nicht über­sehen. So spricht man nach einer Show eher über das Visuelle – als eben über den Ton.

 

Dabei entfaltet und maxi­miert sich jedes Bild in seiner Wirkung erst mit dem guten oder auch passenden Ton. Guter Ton wird somit einfach als Standard voraus­ge­setzt! Schlechter Ton erwirkt zum Beispiel Stress oder ein unwohles Gefühl, wobei das Publikum nicht immer in der Lage ist, das zu iden­ti­fi­zieren. Einen Fehler im Bild aber schon. Ton wird eben subjektiv wahr­ge­nommen!

 

Was den guten Ton in einer Insze­nie­rung ausmacht? Dazu gibt es viele Faktoren:

 

• Die Raum­ak­kustik der Location – kombi­niert mit dem Set-Up, der Darbie­tung von Klassik bis Rock, der Event­laut­stärke oder Konzertlautstärke.
• Eine passende quali­tativ hoch­wer­tige Beschal­lung, die besten­falls auch von einem guten Tonin­ge­nieur auf den Raum einge­messen sein sollte.
• Der richtige Umgang zahl­rei­cher Para­meter sollten von einen guten Toning. indi­vi­duell und passend zum Rahmen einge­richtet und gehan­delt werden.
• Meines Erach­tens kann man nicht wirklich lernen ein guter Tonin­ge­nieur zu werden – sondern hier braucht man als Basis ein von der Natur gege­benes Talent – das man a) gut hört und b) das richtige Gefühl hat (mein Favorit als Tonin­ge­nieur: Rouven Eller von Pink Events aus Karlsruhe).
Technik kann man lernen – Gefühl hat man. Ergo: Das richtige Gefühl – für den Moment, den Künstler, die Darbie­tung; immer wieder den „best­mög­li­chen Kompro­miss“ gemäß aller wirkenden Rahmen­be­din­gungen einzu­gehen und eine Show so zu steuern, das man in jedem Moment das opti­malst mögliche Ergebnis erzielt.

 

 

3. Mathis Nitschke // Klangkünstler aus München, Klangregie

 

Ich mag die Ablei­tung des Begriffs “Person” vom latei­ni­schen “per sonare”: dem durch­tönen. Wir hören die Persön­lich­keit — auch die einer Marke — aus der indi­vi­du­ellen Sono­rität der Stimme, der spezi­ellen Inter­pre­ta­tion einer musi­ka­li­schen Phrase oder dem beson­deren Ober­ton­ge­halt eines Klangs heraus.

 

Dabei ist unser Ohr außer­or­dent­lich empfind­lich. Wir fühlen uns schnell ver-stimmt, wenn das, was wir hören, nicht mit der gewünschten Botschaft in schwin­gende Resonanz gerät.

 

Scheinbar wird bei der Planung von Events erst gar nicht davon ausge­gangen, daß das Publikum zuhört. Aus Angst, dem Publikum ein aktives Zuhören zuzu­trauen, wird es mit krachenden Klang­or­gasmen bombar­diert. Diese Höhe­punkte haben als ziel­si­cher gesetzte Momente ihre wichtige Berech­ti­gung. In der andau­ernden Bombar­die­rung, wie es meist üblich ist, führen sie aber dazu, dass das Publikum inner­lich abschaltet. Das ist ein psycho­lo­gi­scher Schutz­me­cha­nismus! Nicht umsonst verwendet die CIA andau­ernde, brutal laute Musik­be­schal­lung als effek­tives Folterinstrument.

 

Ich wünsche mir Mut auch zu leisen Tönen, zu einer abwech­lungs­rei­chen und viel­fäl­tigen Musik­dra­ma­turgie. Wissen­schaftler haben einmal an Diri­genten gemessen, dass sie am meisten Adre­nalin in der Stille *vor* dem Höhe­punkt ausschütten…

 

Wenn man sich diese Punkte vor Augen führt und mit Sensi­bi­lität und Einfüh­lungs­ver­mögen vorgeht, dann hat man auch in der Live-Kommu­­ni­­ka­­tion enorme emotio­nale Möglich­keiten, wie man sie sonst nur aus Film oder Oper kennt. Dazu bedarf es Zeit für die Kompo­nisten und Sound­de­si­gner und eine konzep­tio­nelle Inte­gra­tion der akus­ti­schen Ebene auf Augen­höhe mit den visu­ellen Elementen.

 

 

4. Michael Wengerter // Technischer Beschallungsplaner aus Kaufungen, Ambion

 

Im Live-Musik Kontext macht ein leben­diger „atmender“ Sound den guten Ton aus, der aber nicht durch zu viele Plugins etc. platt­ge­bü­gelt ist. Es soll ja live sein und nicht die Studio­pro­duk­tion. Dynamik ist das Stich­wort. Im Bereich Corpo­rate Event bedeutet dies eine sehr gleich­mä­ßige Beschal­lung, mit hoher Sprach­ver­ständ­lich­keit, die Redner natür­lich klingen lässt, aber auch so dimen­sio­niert ist, um Filme und Musik entspre­chend emotional zum Zuhörer zu bringen.

 

Ich denke das gutes Sound­de­sign an anderer Stelle als vor Ort statt­findet und es nicht das willen­lose Einbauen von viel Material mit möglichst komplexer Steue­rung ist. Was bringt es ein 9.2 System einzu­bauen, wenn der Zuspieler ein Stereo 64 Kbit/s MP3 ist?

 

Die Planung der Beschal­lung sollte sich deshalb nach den Inhalten des wieder­zu­ge­benden Programms richten. Ich versuche immer so wenige Zuhörer wie möglich akus­tisch zu belei­digen. Klar ist, das es immer Bereiche geben wird in denen das akus­ti­sche Ergebnis nicht optimal ist, wo man aber auch Aufwand und Nutzen prüfen muss. Ich hinter­frage als erstes was inhalt­lich passiert, dann erst kommt die Wahl der Kompo­nenten und der Kampf um die Posi­tionen. Im Anschluß erfolgt die detail­lierte Planung bezie­hungs­weise Simulation.

 

Was bei Live-Events verbes­sert werden sollte? Zuerst einmal die Qualität der gelie­ferten Zuspieler! Ein gerne gehörter Satz ist: “Bei mir auf dem Laptop klingt es aber gut”. Es wird immer ein riesen Aufwand an der visu­ellen Front betrieben – aber was nützt der emotio­nalste Film wenn der Audio­track einfach mal wieder nur kaputt klingt und man sich beim Abspielen Fremd­schämen muss.

 

In den letzten Jahren ist die Notwen­dig­keit auch mal gute ‑wir reden nicht von opti­malen– Posi­tionen für Beschal­lungs­an­lagen zu bekommen völlig in den Hinter­grund gerückt. Es geht nur noch darum möglichst nichts davon zu sehen, aber das Ergebnis soll natür­lich Top sein. Gleiches gilt für die FOH / Monitor Pult-Plätze, die an immer wirrere Orte gebaut werden. Ein wenig mehr Verständnis für die Bedürf­nisse der Audio Welt wäre schön.

 

Denn: gut gemischter Ton kann vor allem die Emotionen trans­por­tieren. Egal ob Freude oder Trau­rig­keit, ich finde es toll wenn die Menschen eine Gänse­haut bekommen, weil Sie der Sound in Verbin­dung mit der Kompo­si­tion oder Darbie­tung berührt. Gut gemischter Sound kann die Zuhörer an das Geschehen binden, er holt sie ab und nimmt sie mit auf die Reise durch das Konzert.

 

 

Sound Designer — welche exzellenten Handwerker gibt es?

 

Der Tonmarkt ist riesig — vom Live-Bereich (Musical, Theater, Konzerte, Events) über den Studio-Bereich (Film, Album­auf­nahmen, Image­filme) oder auch Fest­in­stal­la­tion — ein weites Feld. Folgend eine Sound Designer Liste ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit, die als Inspi­ra­tion zum weiter recher­chieren, in Kontakt treten, vonein­ander lernen gedacht ist…

 

Film:

Frank Kruse // Cloud Atlas, The Inter­na­tional, Sonnen­allee (arbeitet mit der Kyma sound design workstation)
Stefan Busch // Das Parfüm, Barfuss, Zweiohrküken
• Fritz Dosch // Meister der vorhe­rigen Generation
Hans Zimmer // der darf natür­lich aus Prinzip nicht fehlen ;)

 

Live Sound bei Konzerten:

Ray Finken­­berger-Lewin // Herbert Gröne­meyer, Cassandra Steen, Glashaus, Xavier Naidoo, 3p
Norbert Ommer // Big Band bzw. neue klas­si­sche Musik
Anselm Götz // ‘Audio­papst’ aus Aachen — Audio­mess­technik und Instal­la­tion: Konzept für den Papst Welt­ju­gendtag 2005 auf dem Mari­en­feld für 1 Mio. Leute
Michael Häck // Bundes­vi­sion Songcontest
• Bodo Bergmann // Corpo­rate Events
Thomas Mundorf // Metal­lica, David Garrett, hat eine Bass-Beschal­­lungs­­a­an­lage entworfen
Klaus Scharff // Fanta 4, Joy Denalane
Kaspar “Tropf” Wiens // Jan Delay
Roger Wagener // Sasha, Söhne Mann­heims, Max Mutze
Bodo Schulte // Schiller
Olson Invol­tini // Ramm­stein, Seeed
• Thomas Schmitt von Sound­house
Jonathan Deans // Disney, Cirque du soleil („In Hinblick auf die Beschaf­fen­heit und Schich­tung von Musik und Sound gibt es keine Unter­schiede — es herr­schen aber andere tech­ni­sche Anfor­de­rungen. Meine Aufgabe besteht darin, für jede einzelne Produk­tion eine ganz eigene Atmo­sphäre zu schaffen. Und unab­hängig davon, wo die Show aufge­führt wird, muss das Publikum akus­tisch wahr­nehmen, dass man in eine neue Welt vordringt.“)
Patrick Baltzell // Sotschi, Super Bowl, Oscars, American Idol
Robert “Cubby” Colby // Prince, Phil Collins, Juanes, R. Kelly, Britney Spears

 

Im Bereich Musical bietet die Gewin­ner­liste de TONY Awards einen guten Überblick.

 

 

Abschlie­ßend hier noch ein Video­mit­schnitt des Work­shops “Music Mixing In A Live Sound Envi­ron­ment” von John Taylor (d&b audio­technik). In der Session erklärt Taylor, wie das das mensch­liche Hörsystem funk­tio­niert und wie wir verstärkte sowie unter­steckte Klang­quellen rezi­pieren. Daraus leitet er Tipps ab, wie man Live-Ton wirkungs­voll mischt (Video: LDI Show).

 

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