Sabbatical als Selbstständiger: Was passiert, wenn man aufhört zu produzieren
Kategorie: Allgemein, Events, Inspiration, Wirkung
8. April 2026

Sabbatical als Selbstständiger: Warum wir es zum vierten Mal gemacht haben und was Australien wirklich in mir verändert hat…
Einfach mal ‘ne Pause einlegen. Nicht höher, weiter, schneller. Drei Monate Sabbatical in meiner Geburtsstadt Brisbane – mit unseren drei Kindern, meiner Frau und ’ner Menge Lust auf Abenteuer im Gepäck.
Das ist ganz schön kontraintuitiv zur Gesellschaftsnorm - und ebenso zu meiner Persönlichkeit, die gern leistet und liefert. Und trotzdem haben wir es gemacht – nach den USA, Augsburg und Südafrika bereits zum vierten Mal.

Inspirationsquelle ist nach wie vor der Graphikdesigner Stefan Sagmeister, der alle sieben Jahre ein Kreativjahr einlegt. Sein Prinzip: Fünf Lebensjahre der Rentenzeit vorziehen und zwischendrin schon erleben, was die meisten auf ‘irgendwann’ vertagen. Das erscheint uns sehr sinnvoll – denn wer kann schon sagen, was bis zum Renteneintritt alles geschieht? Warum also nicht JETZT?!

Natürlich macht dies das Privileg sichtbar, dazu überhaupt in der Lage zu sein. Wir wissen das. Gleichzeitig ist ein Sabbatical als Selbstständiger auch eine bewusste Entscheidung – die bedeutet, drei Monate auf Einkommen zu verzichten und Kunden abzusagen. Das ist nicht einfach — aber für uns lohnt es sich. Denn Menschen bereuen am Ende ihres Lebens zumeist, nicht mehr Zeit mit der Familie verbracht zu haben. Genau dagegen sorgen wir vor. Mit Erlebnissen, die uns niemand mehr nehmen kann. Zu Beginn durften wir den Jahreswechsel in Sydney erleben, dann drei Wochen im Campervan fast 4.000km über Melbourne nach Adelaide reisen.

Moments money can’t buy
Sei es das im Sand stecken gebliebene Wohnmobil am Long Beach in Kingston (wo uns ein wildfremder Australier rausgezogen hat), das Klettern in die Baumwipfel im O’Reilly’s Rainforest, die Delphine vom Leuchtturm in Byron Bay zu sehen oder der Moment, in dem mein Sohn in seiner ersten Surfstunde tatsächlich auf dem Brett stand.

Die Erkenntnis dahinter: Die Investition in Erlebnisse, ins Miteinander, in unsere ganzheitliche Gesundheit – weil wir dafür bewusst Raum schaffen – macht uns reicher als die Ausgaben, die wir für diese drei Monate getätigt haben. Die Glücksrendite ist jetzt schon fühlbar. Aber sie zahlt sich über die Zeit erst richtig aus.
Was im Sabbatical als Selbstständiger nicht geklappt hat
Nicht alles lief nach Plan. Angekommen in Brisbane hatte ich mir vorgenommen, Kontakte zum Olympischen Komitee für Brisbane 2032 aufzubauen – die Eröffnungszeremonie zu gestalten wäre ein Lebenstraum. Ernüchternde Erkenntnis: Das Stadion ist noch nicht mal im Baubeginn, und die zuständige Eventverantwortliche hat sich schlicht nicht zurückgemeldet. Stattdessen habe ich die Zeit in eine eigene Idee investiert: ein Ausstellungskonzept rund um Emotionen und Bedürfnisse, das mich intrinsisch begeistert. Ob daraus in den nächsten Jahren etwas wird? Ich weiß es nicht. Aber es fühlt sich richtiger an, Energie in eigene Formate zu stecken als auf ‘Lucky Tickets’ zu wetten.

Und dann war da das Fliegen. Ich habe einen internationalen Pilotenschein und wollte die Gegend von oben erkunden. Australien hatte andere Pläne: Die Verifizierung dauert hier mehr als acht Wochen, und das hatte ich vorher nicht recherchiert. Immerhin konnte ich über eine Piloten-Community jemanden finden, der mich auf einen Flug mitnahm. Schön – aber nicht dasselbe. Auch das musste ich loslassen.
Zwei Träume, die nicht aufgegangen sind. Und interessanterweise ist das völlig in Ordnung. Ich lerne, dass Loslassen kein Scheitern ist – sondern Platz schaffen für das, was wirklich dran ist. Das passiert, wenn man bekannte Muster mal loslässt.

Was sich konkret bewegt hat
Sagmeister beschreibt vier Dimensionen der Veränderung durch Auszeiten: Sinnhaftigkeit, Freude, Wachstum, Inspiration. Das kann ich nach drei Monaten im Sabbatical als Selbstständiger voll unterschreiben. Bei mir hat sich das in drei Bereichen gezeigt:
- Biographie: Mir wurden essentielle Verhaltensmuster bewusst, die mich über Jahrzehnte geprägt haben – und die ich lange nicht hinterfragt habe. Durch dieses neue Bewusstsein bin ich auf einem Weg, der mich viel besser in Balance bringen kann. Ein absoluter Meilenstein, für den ich sehr dankbar bin. “Outer work needs inner work” – das sage ich seit Jahren. Jetzt galt es auch für mich. Und dabei ist mir ein Satz erneut wichtig geworden, der simpler klingt als er ist: „I am LOVED” — nicht wegen meiner Leistung, sondern für mein Sein.
- Job: In den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass ich mich verändern möchte. Weg vom reinen Umsetzen, hin zum Mitdenken von Anfang an. Stärker vom Ende her denken: Was sollen Erlebnisse eigentlich bewirken? Diese Auszeit hat mir die Klarheit gegeben, mich auf strategische Arbeit zu fokussieren – um Events zu mehr Wirkung zu verhelfen. Was passiert, wenn Unternehmen ihre wichtigsten Anlässe – Jubiläen, Kick-Offs, Transformationen – nicht nur organisieren, sondern strategisch gestalten? Dieser Frage gehe ich jetzt verstärkt nach. Nicht statt Regie & Konzeption – sondern zusätzlich dazu. Weil ich gemerkt habe, dass ich am meisten bewirke, wenn ich früh genug einsteige.
- Ernährung & Gewicht: Tatsächlich deutete der Zeiger in den letzten Jahren immer nur in eine Richtung: nach oben. Das erfreut beim Gewicht nicht sonderlich. Durch überraschend einfache aber wichtige Aha-Erlebnisse und konsequente Achtsamkeit habe ich 8% Körpergewicht verloren. Das erste Mal seit 44 Jahren geht es in die andere Richtung. Eureka!
Der Baum mit den Wurzeln
Verglichen mit unserer letzten Auszeit in Südafrika gab es keinen großen Kulturschock – aber einige überraschende Parallelen. Interessant, dass das Bild des Baumes mit Wurzeln und Ästen damals in Südafrika schon präsent war: Um nach oben zu wachsen, braucht es Wurzeln, die weit in die Tiefe gehen. Auch das Innere will gepflegt werden.

In Australien hat dieses Bild eine noch tiefere Bedeutung bekommen. In meinem Geburtsland – ich wurde in Brisbane geboren, genau 16.055 Tage vor obigem Bild – haben sich Wurzeln wie Äste verstärkt. Meine Mutter hat uns drei Wochen besucht. Drei Generationen laufen durch den Regenwald am Mount Tamborine. Mein Sohn klettert auf einen Baum – sie schaut zu – ich schaue auf sie. In diesem Moment wird mir klar: Was sie mir mitgegeben hat – bewusst wie unbewusst – formt bis heute, wie ich arbeite, wie ich führe, wie ich liebe. Manches davon will ich bewahren, anderes verändern. Beides braucht Bewusstsein. Wurzeln geben Halt – aber sie bestimmen nicht, wohin man wächst.

Mein Highlight: die Natur
Was mich in Australien am meisten beeindruckt hat, war tatsächlich die Natur. Die Mammut-Bäume entlang der Great Ocean Road. Strände, an denen man allein ist. Nationalparks, in denen die Vegetation eine ganz andere Dimension hat – alles doppelt so hoch, dreifach so weit. Und eine Ausstellung von Ólafur Elíasson in der GOMA, die mich stark beschäftigt hat. Der Titel: PRESENT. Genau mein Thema: Präsenz. Das war vielleicht die überraschendste Erkenntnis. Einfach da zu sein (nicht einfach für einen Achiever)! Nicht immer – aber öfter als vorher.

Sabbatical als Selbstständiger: Alles in allem…
So eine Auszeit ist sicher mutig aber absolut empfehlenswert. Wir hoffen, es wieder machen zu können – dieses Mal konnten wir mit einer Familie aus Brisbane das Haus tauschen, was natürlich extrem hilfreich war. Unsere Älteste konnte tolle Erfahrungen in der Schule sammeln. Ob es mit älter werdenden Kids und der Schule noch so einfach kombinierbar ist? Wir werden sehen.

Aber eines weiß ich sicher: Die Frage, die ich seit Jahren meinen Kunden stelle – „Was soll danach anders sein als vorher?” – habe ich diese drei Monate lang mir selbst gestellt. Die Antwort hat Kontur und macht Freude auf den nächsten Abschnitt!

PS: Australia in 5 Senses
Riechen: der Geruch des Zitrus-Eukalyptus-Baums, stimulierend.
Schmecken: Kombucha mit Pomegranate-Geschmack, yummy.
Hören: Kookaburra – was für fröhliche Singgeräusche am Morgen…
Sehen: die Weite, die hohen Bäume, das Farbspektrum – wow.
Fühlen: die Wärme auf der Haut. Das tat einfach nur gut.






