Idee — wo, wann und wie kommt dir die BIG IDEA? // 7 Konzeptioner antworten…

17. Juni 2015

Wo, wann und wie kommt dir DIE Idee? // Kreativitaetstipps

Das Ergebnis einer Idee: “Nächster Halt: Frank­furt 1888 — eine nächt­liche Thea­ter­reise” // Quelle: DB

 

 

The ability to connect the seemingly uncon­nected and meld existing know­ledge into

new insight about some element of how the world works. That’s prac­tical crea­ti­vity.

Maria Popova

 

 

Krea­ti­vität beschäf­tigt mich seit jeher. Kürzlich sprach ich mit einer Teil­neh­merin von treib­haus 0.8 über den Findungs­pro­zess einer Idee. Das Gespräch gab mir Anlass einige kreative Event-Konze­p­­tioner nach ihren Tech­niken zu befragen. Für alle gab es die ein und selbe Frage:

 

Wo, wann und wie kommt dir DIE Idee?

 

 

7) Elgin Wiggers // Büro für Text und Konzeption

 

Gute Ideen lieben das Gefühl, wie unbe­ab­sich­tigt und beiläufig daher zu kommen – deshalb meinen ja auch viele Menschen, die besten Ideen haben sie zum Beispiel unter der Dusche, beim Wandern am Bergsee oder beim Fens­ter­putzen. Also in einem Zustand, in dem man weder Stoppuhr noch Kritiker im Kopf hat und so tut, als beschäf­tige man sich mit etwas ganz anderem als der Ideenfindung.

 

Die Kunst in unseren so genannten krea­tiven Dienst­leis­ter­be­rufen ist es, diesen wie zufällig und beiläufig-entspannten Zustand tagtäg­lich aufs Neue herbei­zu­führen, auch wenn alle äußeren Para­meter dagegen zu sprechen scheinen. Denn wie oft sind weder Dusche noch Bergsee zur Hand, und nebst profanem Laptop befinden sich Stopp­uhren, Dead­lines oder Ideen­be­gie­rige Gegen­über in nächster Umgebung und schauen unge­duldig beim Finden zu: Jetzt! Sofort! Los!

 

Mit voller Absicht dann noch absichtslos und beiläufig zu wirken – das klingt absurd.

 

Geht aber. Verspro­chen.

 

Wie – das findet am besten jeder selbst für sich heraus. Zum Beispiel bei einer Wande­rung an einem hübschen Bergsee. Oder bei einer heißen Dusche…

 

 

6) Helge Thomas // Creative Director @ pro event live-communication

 

Das ist eine echt schwie­rige und kaum zu beant­wor­tende Frage. Zwischen kurz vor dem Einschlafen, beim Duschen, morgens auf dem Balkon, beim Surfen auf Facebook & Co., während einer Zugfahrt beim aus dem Fenster schauen, beim Abend­essen am Meer, bei einem Kreativ-Wochen­ende in der Pfalz ist da alles dabei… Meist ist es auch nicht DIE Idee sondern einzelne Frag­mente, die mir nach und nach einfallen und dann plötz­lich richtig zusammen gesetzt Sinn ergeben.

 

Das Wich­tigste dabei: Das alles ist harte und ehrliche Arbeit. Ganz im Gegen­satz zu den Vorstel­lungen vieler Auftrag­geber, die erwarten, dass man „mal eben“ eine tolle Idee liefern soll und auch selten bereit sind, dafür ausrei­chend Budget zu inves­tieren. Außer­ge­wöhn­liche Ideen entstehen nicht „mal eben“, sie sind manchmal über Jahre gereift und daher eigent­lich unbezahlbar.

 

Meine Ideen sind meistens ein Remix aus all den Dingen, die ich in meinem Leben schon erlebt und aufge­saugt habe. Die landen alle in meinem „Ideen­spei­cher“. Erleb­nisse in der Kindheit, Streiche in der Schule, die erste Liebe, Unter­hal­tungen mit meinen Kindern, Witze, Musik, Bücher, Filme, Märchen, Reisen, Geschichten von Freunden, Best-Prac­­tices aus den letzten Jahren in der Werbebranche…

 

Ein konkretes Beispiel: Wir hatten ein Briefing der Deut­schen Bahn auf dem Tisch. Gesucht wurde eine Idee zur Feier des 125 jährige Geburts­tags des Frank­furter Haupt­bahn­hofs. Wir sind dann zu viert in ein kleines „Hexen­haus“ in der Pfalz gefahren und haben uns da zwei Tage einge­schlossen, wie man so schön sagt. Dort habe ich den Anderen dann unter anderem einen Zeitungs­ar­tikel vorge­lesen, den ich beim recher­chieren fand, und in dem die wunder­bare Geschichte der letzten Stunde vor Eröff­nung des Frank­furter Haupt­bahn­hofs anno 1888 beschrieben wurde. Wir hatten alle Gänse­haut. Und die Idee war geboren, diese letzte Stunde vor Einfahrt des ersten Zuges in einem Thea­ter­stück am Origi­nal­schau­platz noch einmal zum Leben zu erwecken. Das Ergebnis: „Nächster Halt: Frank­furt 1888 — eine nächt­liche Theaterreise“.

 

Fazit: Sorry. Kürzer geht’s nicht. Wie gesagt, Krea­ti­vität ist NICHT das Ergebnis von einem „lichten Moment“. Krea­ti­vität ist aus meiner Sicht das Ergebnis lang­jäh­riger fast krank­hafter Neugier für Alles in Kombi­na­tion mit einer Art Empathie, das Wesent­liche und die Schön­heit darin zu erkennen und nicht zuletzt das Talent, diese Dinge dann neu (und nicht erneut) und zur jewei­ligen Ziel­set­zung passend zusammen zu setzen.

 

 

Idee Kreativität Ideenfindung Kreativitätstechnik

 

 

5) Andreana Clemenz // Regie + Konzept @ PIO Entertainment

 

Die Idee kommt mir im gehen. Es klingt unge­wohnt. Es ist angenehm und anregend. Es verbindet Bewegung, Denken, Gespräch und Erleben. Es öffnet neue Zugänge auf neuen Wegen. Nur wenn man in Bewegung ist, können sich die Gedanken sortieren. Das ist sogar wissen­schaft­lich wie biolo­gisch bewiesen. Da der Mensch ein Lauf­wesen ist, muss er auch in Bewegung bleiben, um seinen krea­tiven Geist und die biolo­gi­sche Zirku­la­tion anzu­kur­beln. Gehen und Denken — Walk and Talk — Schweigen und Laufen sind Kompo­nenten, die umbe­dingt zusammen gehören :)

 

Warum “walk and talk”? Durch das Bewegen des Körpers werden alle Sinne ange­spro­chen. Die Atmung wird vertieft, was zu einer verstärkten Sauer­stoff­auf­nahme führt. Diese wiederum ermög­licht einen verstärkten Denk­pro­zess. Ganz davon abge­sehen, dass alleine der Prozess der Bewegung — vorwärts — eine geistige Vorwärts­be­we­gung anregt. Schon die alten Dichter und Denker früherer Zeiten ließen sich beim Gang durch die Natur inspi­rieren und fanden dabei neue Erkenntnisse.

 

 

4) Philipp Dorendorf // Creative Director @ facts and fiction

 

Der Reiz zur Idee ist mir wichtig. Um die Idee, die Story, die Lösung selbst mache ich mir eigent­lich nie Sorgen, die kommt dann – wenn bei mir der Auslöser gedrückt wird. Ich komme tatsäch­lich immer zu einem krea­tiven Ergebnis. Hat aber auch den Nachteil: Ohne Reiz, keine Idee.

 

Hier ein Beispiel: Wenn ich mich unter­halte, dann scanne ich die Sätze ab nach Impuls-Begriffen, die eine Idee bei mir auslösen. Menschen denken oft, dass ich ihnen nicht zuhöre, aber in Wahrheit höre ich nur „anders“ zu. Ob eine Idee dann auch gut ist, ist eine analy­­tisch-bewer­­tende Frage, die woanders statt­findet. Wenn sie nicht gut sein sollte, dann nochmal auf Anfang: Scan-Reiz-Idee.

 

 

Creative people must accept that chal­lenges never cease, 

failure can’t be avoided, and vision is often an illusion.

Ed Catmull, Presi­dent of PIXAR and DISNEY ANIMATION

 

 

3) Michael Veidt // Kreativbüro FEDERFREI

 

WO: Orts­un­ge­bunden — entweder ganz allein oder im Ping-Pong mit Projekt­be­tei­ligten — ja, sogar mit Kunden ;)

 

WANN: In den frühen Morgen­stunden oder am späten Abend — in den Kern­ar­beits­zeiten ist die Ablen­kung meistens leider viel zu groß! Leider erfülle ich das Klischee nicht, Kreative schlafen lang und haben die besten Ideen an der Theke ;)

 

WIE: Ich komme meistens über das WORT zur Idee — sprich Einwort-Konzepte bringen es für mich auf den Punkt oder besser gesagt “small is the new big”. Ein Wort reicht oftmals, hinter denen sich eine ganze Welt auftut. Die Kunst ist es dann “nur noch”, aus dem Wort eine ganze Geschichte zu machen inklu­sive Drama­turgie und über­ra­schenden Inszenierungen.

 

 

2) Beke Fahrenbach // freie Konzeptionierin aus Hamburg

 

Ideen sind überall. Manchmal sind sie leise und fast nicht zu sehen – manchmal sind sie laut und glasklar.

 

Es kommt immer auf das Zusam­men­spiel der Para­meter an – Inspi­ra­tionen, Ansätze und Ideen fließen zusammen, ergänzen sich und bilden gemeinsam das große Ganze.

 

Und dabei muss man vor allem Eines immer sein: OFFEN!

– offen für Neues!

– offen sich einzu­lassen!

– einfach seine Umgebung mit offenen Armen zu empfangen!

 

 

1) Oliver Adams // Konzeptioner + GF @ CREATORS

 

“Probleme lassen sich niemals mit derselben Denk­weise lösen, durch die sie entstanden sind.” Albert Einstein

 

Ich bin ein großer Fan davon, sich einer krea­tiven Aufga­ben­stel­lung aus vielen verschie­denen Blick­win­keln zu nähern. Dazu sind nicht einmal Kreativ-Meetings in großer Runde unbe­dingt notwendig. Es reicht, sich dem Problem voll und ganz anzu­nehmen und das Thema bezie­hungs­weise die Aufga­ben­stel­lung aus unter­schied­lichsten Perspek­tiven zu durch­denken. Das ist anstren­gend und braucht Diszi­plin. Doch meist setzt diese inten­sive gedank­liche Ausein­an­der­set­zung den Krea­tiv­pro­zess dann auto­ma­tisch in Gang.

 

Genauso wichtig für ‚DIE Idee’ ist der kreative Hunger. Den hat man oder nicht. Er ist die Power-Zentrale erfolg­rei­cher Krea­tiver. Denn Krea­ti­vität ist keine Moment­auf­nahme. Vielmehr handelt es sich um einen dauer­haften Prozess. Es geht darum, Augen und Ohren immer und überall offen zu halten und ständig ein bisschen ‚auf der Suche zu sein’. Ganz beson­ders Phasen ohne konkrete Aufga­ben­stel­lung sollte man nutzen, Neues zu recher­chieren und daraus Ansätze für zukünf­tige Projekte zu entwickeln.

 

DIE Idee’ kann dann immer und überall kommen. Und wenn man andere an seinen Gedanken teil­haben lässt, kommen die manchmal früher drauf, als man selbst.

 

 

Idee Kreativität Ideenfindung Kreativitätstechnik

 

 

Fazit: Ideen sind harte Arbeit und kommen oft absichtslos…

 

Ideen sind nichts anderes als Lösungen für Probleme. Wie Werbe­texter Peter Breuer im W&V kürzlich schrieb, sollten wir dabei Mut haben Ideen selber zu denken und nicht zu googeln… George Lois prägte den Ausspruch: “Have a BIG IDEA!” Genau darum geht es, groß­ar­tige Ideen zu entwi­ckeln. Ideen, die sofort verständ­lich wie eingängig sind und im besten Fall zu einer Handlung motivieren.

 

Für mich ist der Weg zu der Idee ein Mix aus dem hinter­fragen von bekannten Wegen, stetiger Neugier, diszi­pli­nierter Arbeit sowie der Inspi­ra­tion von außen in Kombi­na­tion mit neuar­tiger Verknüp­fung. Bereits vor einiger Zeit schrieb ich über Ever­ything is a remix // Kopieren als Krea­ti­vi­täts­prinzip, einer rele­vanten Krea­ti­vi­täts­me­thodikDie besten Ideen kommen mir übrigens trotz harter Arbeit auch häufig in den unbe­ab­sich­tigten Momenten…

 

 

In diesem Sinne wünsche ich Mut, Muse, Anspruch und Gelingen zur BIG IDEA!

Frage: Wo, wann und wie kommt dir DIE Idee? Antworte auf FacebookTwitter oder LinkedIn.

 

 

Abschlie­ßend noch Buch­tipps, welche mich sehr zu Krea­ti­vität und Ideen­fin­dung inspi­riert haben:

Krea­­ti­­vi­­täts-AG: Wie man unsicht­bare Kräfte über­windet, die Inspi­ra­tion im Wege stehen von Ed CatmullIdee Kreativität Ideenfindung

How to catch the Big Idea: Die Stra­te­gien der Top-Krea­­tiven von Ralf Langwost

Egal, was du denkst, denk das Gegen­teil von Paul Arden

Verdammt gute Tipps (für Leute mit Talent) von George Lois

Why are you creative? von Hermann Vaske

Kribbeln im Kopf von Mario Pricken

 

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