Sound Designer über Prinzipien des guten Live-Tons

Sound Designer über die Toneffekte bei „Der Hobbit“ – Event kann da noch vom Film lernen // Quelle: youtube

 

 

Nach meinem Plädoyer für mehr Beachtung des Tons bei Events hier einige Stimmen von Sound Designern mit ihrer jeweiligen Sicht auf guten Ton, worauf es ankommt und was bei Corporate Events besser werden kann.

 

 

1. Tim Bruchhaus // Sound Designer aus Düsseldorf, Broken Sundays

 

Gutes Live Sounddesign zeichnet sich durch den Mut aus, Wege abseits der normalen audiophilen Hausmannskost zu beschreiten. Ich habe festgestellt, dass man den Kunden auch mit einem Sound begeistern kann, den er vielleicht nicht erwartet hätte. Dies gibt dem Auftraggeber die Möglichkeit, das Produkt oder die Show in einen völlig neuen Kontext zu stellen. Wenn er es denn wünscht…

 

Du hast es bereits selbst angesprochen – der Kunde sollte den Stellenwert der Musik beziehungsweise des Sounddesign´s nicht zu gering einschätzen. Guter Ton öffnet dem Hörer eine neue Ebene des Erlebens. Er setzt Emotionen frei und vervollständigt das Visuelle. Ohne perfekt abgestimmten Sound keine gute Präsentation! Studien haben bereits gezeigt, das die Wirkung von Tönen einen viel tieferen Eindruck hinterlässt, als das Bild (Babys hören bereits im Mutterleib und reagieren auf Zuspruch!).

 

Mein Impuls ist und bleibt, bei allem was ich mit Musik (und auch ausserhalb von Musik) mache, Menschen zu berühren und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Eine Gänsehaut beim Hörer zu verursachen, ist immer eines meiner Ziele und gleichzeitig ein wundervolles Kompliment an meine Arbeit.

 

In diesem Fall Arbeit = Passion!

 

 

2. Roberto Emmanuele // Creative Producer aus Frankfurt, Move GmbH

 

„Der gute Ton“ macht die Musik – das ist die Basis. Guter Ton ist nicht nur überhaupt im Leben wichtig, sondern steht auch sinnbildlich dafür: Sowohl im Leben wie auch in der Inszenierung – bei einem Gespräch oder bei einer Show.

 

Wissenschaftlich ist bewiesen, dass der „Hörsinn“ grundsätzlich auch die allerstärkste Wirkung auf uns Menschen hat! Gleichzeitig leidet jedoch der Ton unter der Tatsache, dass man Ton eben nicht sieht. Deswegen wird er oft auch unterschätzt, denn ein großes Bild, eine Skulptur etc. kann man nicht übersehen. So spricht man nach einer Show eher über das Visuelle – als eben über den Ton.

 

Dabei entfaltet und maximiert sich jedes Bild in seiner Wirkung erst mit dem guten oder auch passenden Ton. Guter Ton wird somit einfach als Standard vorausgesetzt! Schlechter Ton erwirkt zum Beispiel Stress oder ein unwohles Gefühl, wobei das Publikum nicht immer in der Lage ist, das zu identifizieren. Einen Fehler im Bild aber schon. Ton wird eben subjektiv wahrgenommen!

 

Was den guten Ton in einer Inszenierung ausmacht? Dazu gibt es viele Faktoren:

 

• Die Raumakkustik der Location – kombiniert mit dem Set-Up, der Darbietung von Klassik bis Rock, der Eventlautstärke oder Konzertlautstärke.
• Eine passende qualitativ hochwertige Beschallung, die bestenfalls auch von einem guten Toningenieur auf den Raum eingemessen sein sollte.
• Der richtige Umgang zahlreicher Parameter sollten von einen guten Toning. individuell und passend zum Rahmen eingerichtet und gehandelt werden.
• Meines Erachtens kann man nicht wirklich lernen ein guter Toningenieur zu werden – sondern hier braucht man als Basis ein von der Natur gegebenes Talent – das man a) gut hört und b) das richtige Gefühl hat (mein Favorit als Toningenieur: Rouven Eller von Pink Events aus Karlsruhe).
Technik kann man lernen – Gefühl hat man. Ergo: Das richtige Gefühl – für den Moment, den Künstler, die Darbietung; immer wieder den „bestmöglichen Kompromiss“ gemäß aller wirkenden Rahmenbedingungen einzugehen und eine Show so zu steuern, das man in jedem Moment das optimalst mögliche Ergebnis erzielt.

 

 

3. Mathis Nitschke // Klangkünstler aus München, Klangregie

 

Ich mag die Ableitung des Begriffs „Person“ vom lateinischen „per sonare“: dem durchtönen. Wir hören die Persönlichkeit – auch die einer Marke – aus der individuellen Sonorität der Stimme, der speziellen Interpretation einer musikalischen Phrase oder dem besonderen Obertongehalt eines Klangs heraus.

 

Dabei ist unser Ohr außerordentlich empfindlich. Wir fühlen uns schnell ver-stimmt, wenn das, was wir hören, nicht mit der gewünschten Botschaft in schwingende Resonanz gerät.

 

Scheinbar wird bei der Planung von Events erst gar nicht davon ausgegangen, daß das Publikum zuhört. Aus Angst, dem Publikum ein aktives Zuhören zuzutrauen, wird es mit krachenden Klangorgasmen bombardiert. Diese Höhepunkte haben als zielsicher gesetzte Momente ihre wichtige Berechtigung. In der andauernden Bombardierung, wie es meist üblich ist, führen sie aber dazu, dass das Publikum innerlich abschaltet. Das ist ein psychologischer Schutzmechanismus! Nicht umsonst verwendet die CIA andauernde, brutal laute Musikbeschallung als effektives Folterinstrument.

 

Ich wünsche mir Mut auch zu leisen Tönen, zu einer abwechlungsreichen und vielfältigen Musikdramaturgie. Wissenschaftler haben einmal an Dirigenten gemessen, dass sie am meisten Adrenalin in der Stille *vor* dem Höhepunkt ausschütten…

 

Wenn man sich diese Punkte vor Augen führt und mit Sensibilität und Einfühlungsvermögen vorgeht, dann hat man auch in der Live-Kommunikation enorme emotionale Möglichkeiten, wie man sie sonst nur aus Film oder Oper kennt. Dazu bedarf es Zeit für die Komponisten und Sounddesigner und eine konzeptionelle Integration der akustischen Ebene auf Augenhöhe mit den visuellen Elementen.

 

 

4. Michael Wengerter // Technischer Beschallungsplaner aus Kaufungen, Ambion

 

Im Live-Musik Kontext macht ein lebendiger „atmender“ Sound den guten Ton aus, der aber nicht durch zu viele Plugins etc. plattgebügelt ist. Es soll ja live sein und nicht die Studioproduktion. Dynamik ist das Stichwort. Im Bereich Corporate Event bedeutet dies eine sehr gleichmäßige Beschallung, mit hoher Sprachverständlichkeit, die Redner natürlich klingen lässt, aber auch so dimensioniert ist, um Filme und Musik entsprechend emotional zum Zuhörer zu bringen.

 

Ich denke das gutes Sounddesign an anderer Stelle als vor Ort stattfindet und es nicht das willenlose Einbauen von viel Material mit möglichst komplexer Steuerung ist. Was bringt es ein 9.2 System einzubauen, wenn der Zuspieler ein Stereo 64 Kbit/s MP3 ist?

 

Die Planung der Beschallung sollte sich deshalb nach den Inhalten des wiederzugebenden Programms richten. Ich versuche immer so wenige Zuhörer wie möglich akustisch zu beleidigen. Klar ist, das es immer Bereiche geben wird in denen das akustische Ergebnis nicht optimal ist, wo man aber auch Aufwand und Nutzen prüfen muss. Ich hinterfrage als erstes was inhaltlich passiert, dann erst kommt die Wahl der Komponenten und der Kampf um die Positionen. Im Anschluß erfolgt die detaillierte Planung beziehungsweise Simulation.

 

Was bei Live-Events verbessert werden sollte? Zuerst einmal die Qualität der gelieferten Zuspieler! Ein gerne gehörter Satz ist: „Bei mir auf dem Laptop klingt es aber gut„. Es wird immer ein riesen Aufwand an der visuellen Front betrieben – aber was nützt der emotionalste Film wenn der Audiotrack einfach mal wieder nur kaputt klingt und man sich beim Abspielen Fremdschämen muss.

 

In den letzten Jahren ist die Notwendigkeit auch mal gute -wir reden nicht von optimalen- Positionen für Beschallungsanlagen zu bekommen völlig in den Hintergrund gerückt. Es geht nur noch darum möglichst nichts davon zu sehen, aber das Ergebnis soll natürlich Top sein. Gleiches gilt für die FOH / Monitor Pult-Plätze, die an immer wirrere Orte gebaut werden. Ein wenig mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Audio Welt wäre schön.

 

Denn: gut gemischter Ton kann vor allem die Emotionen transportieren. Egal ob Freude oder Traurigkeit, ich finde es toll wenn die Menschen eine Gänsehaut bekommen, weil Sie der Sound in Verbindung mit der Komposition oder Darbietung berührt. Gut gemischter Sound kann die Zuhörer an das Geschehen binden, er holt sie ab und nimmt sie mit auf die Reise durch das Konzert.

 

 

Sound Designer – welche exzellenten Handwerker gibt es?

 

Der Tonmarkt ist riesig – vom Live-Bereich (Musical, Theater, Konzerte, Events) über den Studio-Bereich (Film, Albumaufnahmen, Imagefilme) oder auch Festinstallation – ein weites Feld. Folgend eine Sound Designer Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die als Inspiration zum weiter recherchieren, in Kontakt treten, voneinander lernen gedacht ist…

 

Film:

Frank Kruse // Cloud Atlas, The International, Sonnenallee (arbeitet mit der Kyma sound design workstation)
Stefan Busch // Das Parfüm, Barfuss, Zweiohrküken
• Fritz Dosch // Meister der vorherigen Generation
Hans Zimmer // der darf natürlich aus Prinzip nicht fehlen 😉

 

Live Sound bei Konzerten:

Ray Finkenberger-Lewin // Herbert Grönemeyer, Cassandra Steen, Glashaus, Xavier Naidoo, 3p
Norbert Ommer // Big Band bzw. neue klassische Musik
Anselm Götz // ‚Audiopapst‘ aus Aachen – Audiomesstechnik und Installation: Konzept für den Papst Weltjugendtag 2005 auf dem Marienfeld für 1 Mio. Leute
Michael Häck // Bundesvision Songcontest
• Bodo Bergmann // Corporate Events
Thomas Mundorf // Metallica, David Garrett, hat eine Bass-Beschallungsaanlage entworfen
Klaus Scharff // Fanta 4, Joy Denalane
Kaspar „Tropf“ Wiens // Jan Delay
Roger Wagener // Sasha, Söhne Mannheims, Max Mutze
Bodo Schulte // Schiller
Olson Involtini // Rammstein, Seeed
• Thomas Schmitt von Soundhouse
Jonathan Deans // Disney, Cirque du soleil („In Hinblick auf die Beschaffenheit und Schichtung von Musik und Sound gibt es keine Unterschiede – es herrschen aber andere technische Anforderungen. Meine Aufgabe besteht darin, für jede einzelne Produktion eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen. Und unabhängig davon, wo die Show aufgeführt wird, muss das Publikum akustisch wahrnehmen, dass man in eine neue Welt vordringt.“)
Patrick Baltzell // Sotschi, Super Bowl, Oscars, American Idol
Robert „Cubby“ Colby // Prince, Phil Collins, Juanes, R. Kelly, Britney Spears

 

Im Bereich Musical bietet die Gewinnerliste de TONY Awards einen guten Überblick.

 

 

Abschließend hier noch ein Videomitschnitt des Workshops „Music Mixing In A Live Sound Environment“ von John Taylor (d&b audiotechnik). In der Session erklärt Taylor, wie das das menschliche Hörsystem funktioniert und wie wir verstärkte sowie untersteckte Klangquellen rezipieren. Daraus leitet er Tipps ab, wie man Live-Ton wirkungsvoll mischt (Video: LDI Show).

 

 

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