ESC 2014 #JoinUs // Die Technologie hinter dem TV-Event…

ESC 2014 Zweitplatzierte: The Common Linnets – Calm After The Storm // Quelle: Eurovision Song Contest

 

 

Der diesjährige Eurovision Song Contest am 10. Mai aus Kopenhagen liegt eine gute Woche hinter uns. Zeit, einen Blick hinter die Machart dieser grandiosen Show zu werfen. Obwohl ich kein ESC Fan bin, ist es ein Großereignis, das mich in der diesjährigen Performance schier beeindruckt hat. Sowohl technisch wie konzeptionell gab es starke Innovationen, die zu magischen Momenten geführt haben. Folgend ein paar Hintergründe kompakt zusammengestellt und aus meiner Sicht kommentiert.

 

 

ESC 2014 Motto: #JoinUs

 

Ich liebe diese Art von einfachen aber starken Ideen, eine echte big idea: #JoinUs. Das offizielle Motto der Veranstaltung ist klar wie einladend zugleich und setzte den roten Faden für die Veranstaltung. Es war ein Willkommensgruß an die Menschen, die nach Dänemark reisten – genauso wie die Aufforderung an die Zuhause gebliebenen, sich am second screen an der digitalen Kommunikation zu beteiligen. Die Einladung galt aber auch für das mit über 500 Mitarbeitern große Team, welche eine zentrale Bedeutung hatte, wie Regisseur Per Zachariasen in dem Crew Video herausstellte (bester Interviewteil ab 33:30min). Geschätzte TV-Zuschauerzahl weltweit: 125 Millionen in 45 Ländern, allein in Deutschland haben 8,96 Millionen Zuschauer eingeschaltet.

 

 

Starke Konzeption anstatt reines TV-Event: Filme, Titelmusik, Moderationen

 

Es gab für mich gleich mehrere konzeptionelle Höhepunkte: die Postkarten-Einspielerfilme (alle Videos finden sich als Playlist hier), die wirklich genial eingängige Titelmusik und überraschende Details durch die Moderationen ohne Fremdschäm-Faktor. Der französischen Band wurde beispielsweise Essen vom Koch ihres Lieblingsrestaurants in Paris gereicht – Überraschung pur! Oder der englischen Live-Kommentator wurde unwissend live eingebunden und mit dem Wunsch, es auch für ihn besonders zu gestalten, ein kleiner Konfetti-Regen in die Übersetzungskabine abgefeuert: einfach wertschätzend, besonders und überraschend!

 

Die Idee für die Postkarten-Einspielfilme war die Krönung! Spannung über alle 37 Teilnehmerländer zu halten ist eine echte Aufgabe. Ausgehende Fragestellung war, wie Kunst, Architektur etc. in dem jeweiligen Land aussieht – daraus wurde dann auf kreative Weise die Nationalflagge nachgebaut und abschließend ein Foto für eine Gruß-Postkarte gemacht. Tolle Bilder und Variationen des selben Themas (ich weiß ja nicht, ob ich damit zu 90ies bin – aber das hätte man auch gut als eCard ausbauen und so vielleicht noch mal für digitalen traffic sorgen können…)! Einzig: Die Story mit den ganzen China-Anspielungen in der Moderation habe ich bis zum Ende nicht geblickt – aber vielleicht ein geschickt eingesetzter running gag, der durch Irritation Aufmerksamkeit schafft und als Diskussionsstarter dienen sollte… Ansonsten: sehr starke und überraschende Details von den Dänen beim ESC 2014!

 

 

Inszenierung hui – Musik eher pfui…

 

Was für eine Content- und Lichtschlacht beim #ESC – vom Bühnendesign über die LEDs und Pyro, alles state of the art. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl von den vier Contentebenen (LED Boden, LED Rückwand, LED Kubus, Projektion) vom Inhalt abgelenkt zu werden. Blickfang der 35 × 20 m großen Bühne war der offene Glaskubus aus 120 Spezialglas-Modulen dieses amerikanischen Herstellers, die es erlaubte Bilder und Animationen zu zeigen. Dieses ließ sich bei Bedarf von opak (ohne Bestromung) auf transparent (unter Strom) schalten und ermöglichte damit je nach Bühnenbild die Projektion von Bildern auf die Glasoberfläche oder alternativ das Durchscheinen der LED-Wand im Hintergrund. 32 Projektoren von Barco projizierten scharfe Bilder und Videos auf die Glasmodule (16 HDQ-2K40 und 16 HDX-W20-Projektoren, die mit einer integrierten Bilderverarbeitung für extreme Skalierungen ausgestattet sind und so von extremsten Winkeln projizieren können).

 

1.170 Quadratmeter LED-Wände kamen während der Show zum Einsatz, insgesamt 2.810 Lampen und satte neun Millionen Dioden wurden im Boden und an den Wänden verarbeitet. Der LED Video Display im Hintergrund wurde laut dem Technikdienstleister Mediatec knapp 100m breit und 13m hoch gebaut. Das gesamte Bühnenbild umfasste neben dem Kubus auch einen 169 Quadratmeter interaktiven LED-Fußboden, dessen Bild- und Lichteffekte zusätzlich durch die Protagonisten via Drucksensoren aktiviert wurde. Alle LED-Bildschirme und Projektoren wurden über den d3 4U v2.5 Medienserver gesteuert. Vorteil dieses Servers ist, dass er mittels einem 3D-CAD-Modell der Bühnenkonstruktion schöne Vorvisualisierung für die Content- und Lichtvorprogrammierungen ermöglicht. Dies bedeutete, dass erstmals die Bühne den Künstlern folgte und nicht andersrum. Hier das Beispiel der Vorvisualisierung des Gewinnertitels:

 


Quelle: d3 technologies

 

 

StageDesign: Analogie zum Schiffsrumpf oder doch ein Diamant?!

 

Warum die Veranstaltung in dem riesigen Schiffshangar der B&W Hallerne im industriellen Teil des Hafens von Kopenhagen stattfand, ist schnell erklärt: es war mit 60m Deckenhöhe die einzige Halle in Dänemark, die groß genug für die Umsetzung der Showidee war. Inspiration für die Bühne lieferte der Schiffbau, welcher in der Location eben tatsächlich statt fand. Das ergänzende Logo war ein blauer, strahlender Diamant, der symbolisch für die Vielfalt an auftretenden Künstlern stehen sollte. Außerdem entsprach er dem Wunsch maskuliner zu werden – daher die Anspielung des SetDesigns auf den Schiffsbau, der Diamant mit blauer Farbe etc. Mich persönlich erinnerte der Kubus übrigens stark an die Lichtinstallationen von WHITEvoid. Neu war auch der Green Room für die Künstler inmitten der Arena. Die Veranstalter haben es so den Besuchern ermöglicht, möglichst nahe bei ihrem Kandidaten zu sein.

 

Wichtiger als die ganzen Fakten ist aber der erzielte Effekt: durch die horizontale und vertikale Gestaltung der Bühne wurde anders als bei vielen TV-Shows eine wirkungsvolle Dreidimensionalität selbst bei der Fernsehübertragung erzeugt, wie sonst selten. Das ist aus meiner Sicht die größte Leistung dieses tollen durchdachten Konzepts wie sie der SetDesigner Claus Zier hier noch mal ausführt:

 

 

 

22 Kamera’s erzählen eine vorprogrammierte Geschichte

 

Eine spannende Frage für die Kreation des Videocontents ist: Was haben die Künstler, was das Publikum berühren kann? Die Ergebnisse haben wir alle sehen können. Was mich zum Kamerakonzept bringt. Der formulierte Anspruch mittels der 22 Kameras eine Geschichte zu erzählen trifft es passend. Für mich neu war, dass der Bildschnitt komplett timeline basiert vorprogrammiert wurde (Johannes Spieker, DER Bildmischer-Guru versicherte mir, dass dies in Skandinavien schon länger so gehandhabt wird ;). So war die Präzision auch kein Wunder – weitere Details dazu in dem folgenden Video.

 

Die Herausforderung an den dänischen Lichtdesigner Kasper Lange bestand neben aller Kreativität gerade im Zusammenspiel der extrem hellen LED-Flächen, der ausreichend hellen Projektion auf die Glasmodule im Kubus und dabei insgesamt ein brauchbares Licht für die Kameras zu liefern. Dafür wurden allein 50.000 Kanäle programmiert. PRG, mit der dänischen Firma [LITE]COM Group verantwortlich für Licht und Rigging, hat eine umfassende Materialliste veröffentlicht. Wen es genauer interessieren sollte hier auch die Crewliste, die Bilder der Show haben jedenfalls gewirkt! Optisch besonders empfand ich den LED Boden im Zusammenspiel mit der Kranperspektive aus dem Rig – sehr starke Kombination!

 


Quelle der ESC 2014 Videos: Melodi Grand Prix

 

 

Fazit:

Der ESC 2014 hat wirklich mit etwas Neuem überzeugt und magische Momente kreiert! Musikalisch fand ich die Holländer eindeutig besser, aber über die politische Dimension des Gewinns von Conchita Wurst ist die Tagespresse ja schon voll genug.

Aus Sicht der Eventbranche: Chapeau! Danke, dass ihr unserer Branche Inspiration seid und die Show meisterhaft auf die Beine gestellt habt! Ich bin gespannt, wann mich eine Show technisch wieder so überraschen und begeistern wird…

 

 

Was hat dich beim ESC 2014 überzeugt? Oder bist du anderer Meinung? Freue mich auf Kommentare und inhaltliche Ergänzungen unterhalb und like doch gleich mein Facebook Profil für regelmäßige Inspiration rund um die Live-Kommunikation.

 

Comments