Wie Rosamunde Pilcher und Birdman meine Emotionen beeinflussen – oder auch nicht.

Emotionen beeinflussen – Gastbeitrag von Karin Luise Stasny // Quelle Video: youtube

 

 

3 Tage war ich im Fieber. Habe Internetseiten nach Infos über Alejandro González Iñárritu, über Batman, über Filmkritiker und Fanatiker von Superhelden gelesen. Obwohl ich von all dem nicht gerade ein Fan bin. Superhelden und Comics fand ich schon immer „blöden Bubenkram“ (Jungssache) und zu Nerds die lieber im dunklen Kino oder nächtelang an ihren PCs sitzen um Actionspiele zu spielen anstatt sich das echte Leben oder zumindest das der Theaterwelt reinzuziehen, finde ich keinen wirklichen Zugang.

 

Was war passiert? Ich war im Kino, spontan mit Freunden, hatte keine Ahnung was wir uns da ansehen wollten. Birdman. In Originalsprache, auf Englisch. Es handelt von einem einst großen Filmstar der einen Actionhero verkörperte und jetzt, nach erfolglosen Jahren, seinen Neubeginn als Theaterschauspieler starten möchte.

 

In den ersten 15 Minuten hab ich nix verstanden, oder sagen wir ich habe kein Wort von dem was da gesprochen wurde verstanden, obwohl mein Englisch nicht so übel ist, aber irgendwie haben mich die Figuren auf der Leinwand in ihren Bann gezogen. Förmlich magnetisch angezogen. Michael Keaton und später Edward Norton – den ich noch immer als den meist unterschätzen Schauspieler Hollywoods und daher als einen meiner Liebsten erachte (ich habe eine Schwäche für Außenseiter) – haben ihr Herz gegeben, Leidenschaft in ihrer Rolle als echtes Leben gelebt. Aber das war es nicht, das war es nicht allein.

 

 

Storyline und unerwartete Brüche sind ein gutes Rezept

 

Es war diese Story, irreal, surreal, unerwartet, mit ständigen Brüchen und all dem was gute Dramaturgien für mich ausmachen. Und alles scheinbar aus einem Kameradreh von Anfang bis zum Ende ohne Schnitt und Pause. Luft anhalten und als der Film zu Ende war – tief durchatmen. So schien es mir. Natürlich habe ich geatmet, hab’s aber einfach nicht gemerkt. Es waren Musik, Raum und Ausstattung, Nähe und Distanz – durch die Kamera extrem, fast schon schmerzend nah ausgedrückt.

 

Dieser geniale Drumbeat, der näher kam, wenn man mit der Kamera mitlief und sich in diesen engen Gängen des Theater wieder entfernte, wenn der Blick schweifte und mit Michael Keaton um die Ecke bog. Ein einziger Drumbeat, mit diesem genialen Jazzdrummer, nur dieser Beat… Drbrb Drbrb drrmm drmmm…. (vom Jazzmusiker Antonio Sánchez, für die Birdman Filmmusik erhielt er einen Grammy. Seit Birdman nutzt auch die Werbung diese musikalische Idee. Siehe IKEA TV-Spot.)

 

Und diese schmuddeligen Gestalten, die Schauspieler als Theaterschauspieler sind, voller Komplexe, suchend nach etwas, das ihre Persönlichkeit ausmacht, das sie selbst sein wollen.

 

 

Warum dieser Film in mir das emotionale Fieber hochtreibt?

 

Es war vor allem die Theaterwelt in der all das spielte. Etwas, das mir vertraut ist und das ich liebe – muffige Backstageräume in denen es nach Staub und Make up riecht, enge Gänge und finstere Ecken, fiese Kritiker, die Schauspielern oft ihr Leben – zumindest das auf der Bühne – kosten und all das eben. Bis ins kleinste Detail echt, so als ob man mittendrin steht und gar nicht bemerkt, das alles nur ein Spiel ist, gar nicht das echte Leben.
Ich war unglaublich beeindruckt von meinen eigenen, starken Emotionen, die ich bis heute abrufen kann wenn ich an Birdman denke – nachhaltigst.

 

Verantwortlich dafür war ein geniales Ensemble aber vor allem ein Mann der mit allen Tricks der Inszenierung jongliert, Las Vegas und Circus Sarasani in einer Person. Der Drehbuch und Dramaturgie aus dem Effeff beherrscht und der keines der Handwerkzeuge außer Acht lässt. Der alle szenischen Mitteln bis ins Detail plant und dann scheinbar aus dem Handgelenk schüttelt. Alejandro González Iñárritu. Perfektion auf höchstem Niveau ohne dass es jemandem auffallen würde.

 

Allein dieser Trigger mit einer, mir nur unterbewusst bekannten, tiefen Stimme der Bilder aus einem anderen Filmleben in mein Hirn schob ohne dieses je zu zeigen. Und das alles so nah an meinen Erfahrungen, meinen Themen, dass ich das Gefühl hatte, ich kenne das, ich habe das schon mal gelebt, ich bin ein Teil von euch.

 

Tja und genau das schafft diese tiefe Emotion in mir, die plötzlich da ist und tief in meinem Gehirn verankert bleibt. Einen Moment, den ich auch Jahre später noch abrufen kann. Ich gestehe davon gibt es nicht viele aber einige. Umsomehr faszinieren mich diese Momente und ich reflektiere diese vielfach, krame nach Wissen aus allen Themenbereichen, von Dramaturgie bis zu Neurowissenschaften, um das Handwerk dahinter zu verstehen.

 

 

Im Zauberpaket der Emotionen steckt ein harter Kern: „meine“ Welt, „meine“ Erfahrung.

 

Für mich heißt das Zauberpaket: unglaubliche Qualität – Story, Dramaturgie, Inszenierung – und Erlebniswelten oder Themen die so nah an mich und meine Erfahrungen kommen, dass sie fast wehtun wenn sich mich erreichen, berühren. Das ist Kunst.

 

 

Ohne Emotion keine Kunst.

Erst 2015 hat sich ein Symposium diesem Thema gewidmet.

 

Venedig, Biennale 2011. Zu der Zeit war mein Nervenkostüm noch sehr dünn, nach einem Jahr gesundheitlicher Probleme, verursacht von meinem Leben des Funktionierens und Machens. Ich wollte wieder das Schöne, die Kunst die ich so liebe, an mich heranlassen und mir Freude bereiten. Das ging auch ganz gut, bis ich in den Giardini im Pavillon der Schweiz stand.

 

Ich konnte kaum atmen, die Wände sind beinahe auf mich gefallen und ich musste raus, nach Luft schnappen, mich hinsetzen. Crystal of Resistance.

 

Für mich war es der Alptraum aus dem ich gerade erst aufgewacht war; zu viel von allem, dieser ernorme Druck von Medien, Leistung, politischem Versagen, Mehr-Mehr-Mehr… Von allem zu viel, Überfluss getarnt mit einer billigen Glitzerwelt aus Staniolpapier. Das hat dann gereicht.

 

 

Emotionen beeinflussen© K.J. Wegenstein Biennale Venezia 2011 / Pavillon Schweiz: Thomas Hirschhorn „crystal of resistance“

 

 

Die Inszenierung war perfekt unperfekt – wie das Chaos eines Messie, das für den Messie selbst Ordnung darstellt. Die Story nicht gerade neu, aber mit diesem Bruch einer großen glitzernden Kristallwelt in neuem Gewand dargestellt. In diesem Fall war es einfach zu nah an meinen negativen Erfahrungen, Einstellungen und alle Zeichen (=Botschaften) haben das verstärkt.

 

Das hat heftige Emotionen bei mir ausgelöst, negative. Vom Künstler Thomas Hirschhorn gewollt. Gemacht um zu Schocken, aufzuwecken? Bei mir hat es sein Ziel schon beim Betreten des Raumes erreicht. Aber auch bei anderen Besuchern, auf die es nicht ganz so massiv einbrach, war die Botschaft klar, ähnliche Emotionen vorhanden.

 

 

Was bedeutet dies für eine gelungene Eventinszenierung? Wie sind solch tiefe Emotionen hervorzurufen?

 

Ich weiß, jetzt kommen wieder diese „eh klar“ Statements, die alle Kommunikationserfahrenen kennen die für Kunden und/oder Auftraggeber arbeiten. Dennoch bin ich überzeugt: daran zu arbeiten lohnt sich.

 

Die Basis die über ihren Erfolg entscheidet in 3 Schritten:

 

 

1. Sie sollten wissen was sie mit ihrer Umsetzung erreichen wollen und warum sie das wollen. „Wer sein Ziel nicht kennt, für den ist kein Wind der richtige.“ ist eine Seglerweisheit an die wir immer denken sollten.

 

 

2. Nur wer Menschen gut kennt wird ihr Herz erreichen. Möglichst viel über Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen unserer Zielgruppen herausfinden. Bescheid wissen. Wenn sie den Zugang finden, weil sie Erfahrungen und Einstellungen ihrer Teilnehmer im Vorfeld erforschen, erkunden, analysieren – so wie meine Liebe zur Theaterwelt – dann halten sie bereits den größten Schatz in ihren Händen.

 

Ich bin davon überzeigt, dass Alejandro González Iñárritu sein Ziel genau kannte und wusste wie er es erreichen konnte. Einen Oscar zu holen indem er die eigenwillige Oscarjury mit seinem Filmthema um den Finger wickelt. Mit etwas das sie am besten kennen. Die Welt des Schauspiels mit ihren verkorksten Stars. Genial. Am Ende waren es 9 Oscars – inklusive bester Film.

 

Mut gehört dazu! Bei Emotionen geht es darum etwas zu riskieren.

 

Sie riskieren immer jene Personen von tiefen Emotionen auszuschließen, die sich nicht für ihre Themen interessieren beziehungsweise zu polarisieren. In der Kunst ist das immer besser als zu langweilen. Entscheiden sie selbst, was ihnen lieber ist.

 

Nicht immer sind Teilnehmer, Gäste -unsere Zielgruppe- einfach zu durchleuchten. Wenn sie für einen Auftraggeber arbeiten oder arbeiten wollen, der dies nicht zulässt, weil es eine Ausschreibung ist in der sie nur schriftlich kommunizieren dürfen, oder sie nicht mehr Details zu ihren Teilnehmern hören wie Durchschnittsalter, Anzahl, weiblich oder männlich, ALARM: … lassen sie die Hände davon. Seien sie mutig und sagen sie Nein! Suchen sie sich einen Auftraggeber der mit ihnen gemeinsam etwas erreichen will und der weiß dass es dazu ganz viel an Vertrauen und Miteinander braucht.

 

 

3. Finden sie ihre Botschaft, Aussage. Was wollen sie den Menschen mitteilen, was sollen sie behalten? Welche Emotion soll erzeugt werden?

 

Ein Werkzeugkasten guter Umsetzungen ist kein Zauberkasten, aber er birgt die meisten Stolpersteine.

 

 

7 Tipps um Emotionen beeinflussen zu können:

 

 

#1 Sie brauchen eine gute Geschichte, die es ermöglicht, dass ihre Gäste, Besucher oder Teilnehmer in diese eintauchen können, für kurze Zeit die Wirklichkeit vergessen und idealerweise selbst Teil dessen zu sein, was gerade passiert. Eine Geschichte, die möglichst viele begreifen, eine Geschichte die sich durch Trends oder soziale Themen einfach aus dem Leben ergibt.

 

Stolperstein: Analyse nicht gemacht. Zielgruppe nicht erforscht. Zielsetzung stimmt nicht mit der Erfahrung der Gäste zum Unternehmen überein etc.

 

 

#2 Zur Story kommt eine perfekte Dramaturgie. Kramen sie in der Film-, Theaterwelt oder der von Romanen – was packt sie, wie ist der Plot aufgebaut?
Klassische Dramaturgie (z.B. nach dem Modell von Gustav Freytag) funktioniert immer, wie es Shakespeare unnachmachbar demonstrierte oder die Bücher und Filme von Rosamunde Pilcher für Heerscharen von Frauen beweisen. Darauf kann man sich verlassen. Auch die derzeit so stark gehypte Heldenreise basiert genau auf diesem Rhythmus.

 

Stolperstein: zu viel an glatter Abfolge – man kennt das Happy End bereits am Anfang? – und zu oft das Gleiche -die x.te 3-D Mapping Autoeinführung- lassen ahnen, wie es das nächste Mal ausgeht. Das ist der Grund, warum mich weder Rosamunde Pilcher noch die meisten Autoeinführungen emotional erreichen. Sie sind technisch perfekt aber so vorhersehbar. Also auch hier:

 

 

#3 Brüche. Überraschen, anders als die anderen, anders als gewohnt, anders als erwartet – öfters mal einen Haken schlagen und eine Rede lieber dort einschieben, wo es garantiert niemand mehr vermuten würde.

 

 

#4 Höchste Perfektion für alle Details in der Inszenierung, also dem in-Szene-setzen des Events. Das bedeutet alle szenischen Mittel müssen ihre Story, die Botschaft mit allen Zeichen in der Umsetzung unterstützen.

 

Der Raum, die Dekoration, die gesamte Ausstattung, die Technik – Licht, Ton, Medien, alles Visuelle, die Darsteller, die Sprache in der vor Ort die Texte gesprochen oder die Einladung geschrieben wird, die Musik (ob Foyermusik, Jingles – kein Musikstück sollte vergessen werden), die Tänzer oder Schauspieler, ihre Choreographie, ihre Kostüme, das Essen etc etc.

 

Stolperstein: zu viel von allem; zu glatt & überästhetisch. Das Leben darin fehlt.

 

 

#5 Jedes Zeichen ist Botschaft, ob es der Anzug des Vorstandvorsitzenden auf der Bühne ist, die Art des Bodens auf den die Gäste in den Raum schreiten, teppichweich oder doch steinig und hart, die Lautstärke und Wahl der Musik, das Make-up der Hostessen, jedes noch so kleine Zeichen ist bewusst gesetzt, überlegt und zahlt auf ihr Konto einer gelungen Umsetzung die Emotionen erzeugen soll, ein. Es ist also Wert darüber nachzudenken.

 

 

#6 Brüche. Die kennen sie schon? Auch hier, bei der Inszenierung: überraschen, anders als erwartet, anders als gewohnt. Mut! Vielleicht den Lehrling eine Autopräsentation machen lassen?

 

 

#7 Interaktion. Für mich persönlich eine der großen Geheimwaffen von Live Communication, Kommunikation und Eventerlebnissen im Raum, vor Ort, und einer der Handwerkszeuge auf die man nicht verzichten sollte.

 

Das beweist uns auch die Wissenschaft. Kognitive Neurowissenschaft um genau zu sein. Hier gibt es fast monatlich neue Erkenntnisse und Studien die althergebrachtes über Bord werfen. Dort wo es gelingt Menschen in „Bewegung“ zu bringen, passiert in Gehirnen eine unglaubliche Verstärkung von Gehörtem und Gesehenem – und das sorgt für tiefes Erleben, Emotionen und Nachhaltigkeit. Die ersten Studien aus der Sprachforschung bestätigen, dass es bis zum zehnfachen Impact reicht.

 

 

Fazit: Von überall das Beste in perfekter Qualität und idealerweise überraschend, in Brüchen interaktiv gemischt.

 

Klingt nach einem einfachen Rezept?

 

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Es braucht die richtige Basis – das Briefing, Analyse Strategie – eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten -Kunde/Auftraggeber/ Team/Gewerke- und diese perfekte Zaubermannschaft die alles steuert. Einen Leader mit einem Team von Experten aus allen Bereichen. Und – in Zeiten wie diesen – etwas das keiner gerne geben will oder einfach nicht hat: ZEIT! Time is money.

 

Zeit ist Geld, gut investiertes Geld. Das dreifach, oft zehnfach retour kommt.

 

Iñárritu hat Birdman in nur 30 Tagen im James Theater gedreht. Für einen neunfachen Oscar Gewinner in den 2000ern kaum vorstellbar. Dafür wurde allerdings zwei Jahre mit drei Freunden das Drehbuch verfasst und weitere zwei Jahre die Szenen und Kameratakes minituös vorbereitet.

 

Zu guter letzt etwas das mir besonders am Herzen liegt: Weniger ist ganz oft viel mehr. Die leisen Töne sind in lauten Zeiten oft besser hörbar.

 

Wenn von allem zu viel, das Teuerste, das Neueste und alles auf einmal dann verpufft die beste Absicht. Dann werden Zeichen nicht mehr wahrgenommen. Trauen sie sich auch einmal mit leisen Tönen zu überzeugen. So wie Iñárritu mit nur einem Schlagzeuger als durchgehende Filmmusik. Natürlich mit einem genialen Schlagzeuger! ☺

 

 

Emotion beeinflussen Karin Luise Stasny EventmarketingKarin Luise Stasny ist studierte Werbefachfrau, ausgebildete Interior Designern und Trainerin in Erwachsenenbildung. Seit den 1980er Jahren schwört sie auf die Wirkung von guter Eventkommunikation für Unternehmen und Marken. Das konnte sie in ihrer unternehmerischen Agenturtätigkeit für Marken und deren internationaler Niederlassungen wie Chrysler USA, ENi Italien, Ericsson Schweden & Österreich, Ford UK, General Motors Austria u.v.a. vielfach unter Beweis stellen. Seit 2011 widmet sie sich ausschließlich ihrer Seminar- und Lehrtätigkeit. Nach Stationen in Rom, Mailand und London lebt und arbeitet sie in Wien.

 

 

Ein paar Tipps zum weiterlesen, um „Emotionen beeinflussen“ zu können:
Creative Director: Wie weckt ihr Emotionen? // 7 Kreativdirektoren geben Hinweise
Theaterregisseur Axel Beyer: EMOTION – der Schlüssel zur Aufmerksamkeit!
Wissenschaftliche Artikel zum Zusammenhang aller Sinne und Bewegung & Lernen

 

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